Ein Kredit für meine Frau
19.06.2012  | Waheed Ghanem   

Alltag / Kolumne
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Die Nachrichten aus dem Irak sind geprägt von Meldungen über Gewalt und Terror. Die Menschen, ihr Leben und ihr Alltag verschwinden dahinter. Der Irak, das ist eine große Unbekannte. Was beschäftigt die Iraker? Worüber reden sie? Was ärgert sie? Worüber lachen sie? In unserer Kolumne "Email vom Euphrat" erzählen irakische Autoren kleine Geschichten aus ihrem Alltag. Heute: Wie das Eigenheimfieber eine Ehefrau in Basra gepackt hat


Für die Bewohner von Basra ist das Thema Eigenheim zur Obsession geworden. Jedes Mal, wenn ich versuche, nicht mehr daran zu denken, kommt wieder irgendjemand und erinnert mich daran. Ein Passant, ein Freund, eine Zeitungsnachricht. Entweder besitzt du ein Eigenheim – oder du schläfst gleich im Freien!

Die Zahl der Einwohner von Basra steigt tagtäglich. Fast vier Millionen sollen es jetzt sein, sagt man. Das Erdöl und die Häfen locken internationale Firmen, asiatische Arbeitskräfte und Bauunternehmer an. Dazu kommen noch ungefähr eine Million Flüchtlinge, die es seit 2003 aus anderen Provinzen hierher verschlagen hat. So schossen die Mieten in die Höhe.

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Das Schlimme ist, dass jetzt sich auch meine Frau mit dem Eigenheimfieber angesteckt hat. Meine Frau ist eine Beamtin, die immer noch am unteren Ende der Aufstiegsleiter steht. Wie die meisten Irakerinnen hatte sie sich leidenschaftlich gerne Seifenopern im Fernsehen angesehen. Sie hatte es sich angewöhnt, jeden Abend um sieben Uhr gemeinsam mit unserer Tochter TV-Serien und Spielfilme zu schauen. Ihr Fernsehabend zog sich meistens so bis zehn Uhr abends hin, zwischendrin bereitete sie das Abendessen vor oder fragte mich ein paar Dinge, etwa wann die Miete gezahlt werden muss oder ob Preiserhöhungen für Eier und Tomaten zu erwarten sind.

Doch vor einiger Zeit hat sie begonnen, mit höchster Konzentration dem schnell vorbeiziehenden Nachrichtenband des staatlichen Senders auf dem Bildschirm zu folgen. Hin und wieder lässt mich dann ein lauter Ausruf erschrocken hochschnellen: „Sieh dir das an! Die Zentralbank soll jetzt Kredite an Beamten vergeben! Aber stimmt das denn?“

Ihre alte Leidenschaft, am Leben der Protagonisten von Fernsehdramen teilzuhaben, hat meine Frau aufgegeben. Jetzt ist sie in den Strudel der Suche nach staatlichen Krediten geraten. Ständig telefoniert sie mit ihren Arbeitskolleginnen, um die letzten Neuigkeiten zu erfahren. Sie klingt dann manchmal ganz aufgeregt, wenn sie mir unvermittelt sagt: „Die staatliche Rafidain-Bank hat angekündigt, schon bald Kredite zu vergeben!“

Sie plant, ein Stückchen Land zu kaufen. Ach, so ein kleines Stückchen Land! Das kostet hier bei uns schon 30.000 US-Dollar! So ein Kredit entspricht der Höhe von 100 Gehaltszahlungen, aber die Zinsen sind umso höher.

Wenn sie später am Abend ihren Kopf aufs Kissen legt, werden ihre Träume immer kühner: „Wenn wir dann erstmal ein Fleckchen Land gekauft haben, könnten wir doch auch noch einen Baukredit beantragen!“ Doch am nächsten Tag höre ich sie verärgert rufen: „Oh nein, so ein Pech! Die Kredite werden nur an Angestellte der Erdölindustrie vergeben!“

Vielleicht waren ja die schockierenden Wohnungspreise im Stadtzentrum der Auslöser für ihr Fieber gewesen. Da kostet ein Haus aus den 1960er Jahren mit einer Grundstücksfläche von 800 Quadratmetern nicht weniger als zwei Millionen Dollar. Und da kam dann sie, mit ihrer Milchmädchenrechnung: Prima, dann können wir uns ja auch mit ein paar Krediten ein Haus am Stadtrand bauen und für den Rest unseres Leben die Schulden abbezahlen!

Mittlerweile schenkt meine Frau den ewigen Versprechungen von Politikern der lokalen Regierung in Basra und der Zentralregierung in Bagdad längst keinen Glauben mehr. Immer wieder verkünden diese, die Wohnungskrise schon ganz bald zu lösen und Abertausende Wohnungen und Häuser zu bauen. Dabei wissen wir doch alle: Wer bei den neuen Wohnsiedlungen Priorität haben wird, sind Parteimitglieder, Enkel der Parteimärtyrer der Parteien und eine unendliche Schlange von Menschen mit anderen Titeln.

So kam es, dass sich meine Frau sich entschlossen hat, die gewohnte Ruhe in unser Leben einkehren zu lassen, unterstützt durch die Weisheit ihrer Kolleginnen, mit ihrem leidenschaftlichen Interesse für die tragischen Schicksale von Seifenopern-Helden.

 

Foto: KHALIL AL-MURSHIDI/AFP/Getty Images