Alltag / Kolumne
Die Nachrichten aus dem Irak sind geprägt von Meldungen über Gewalt und Terror. Die Menschen, ihr Leben und ihr Alltag verschwinden dahinter. Der Irak, das ist eine große Unbekannte. Was beschäftigt die Iraker? Worüber reden sie? Was ärgert sie? Worüber lachen sie? In unserer Kolumne "Email vom Euphrat" erzählen irakische Autoren kleine Geschichten aus ihrem Alltag. Heute: Welche Gerüchte und andere Mythen in der südirakischen Stadt Basra kursieren
Die Sandstürme, die im Mai über den Himmel von Basra fegten, haben am Ende doch keine kleinen Kinder getötet. Trotz der gruseligen Gerüchte, die die Runde gemacht hatten. Sicher, die Krankenhäuser verzeichneten wieder einen besonders großen Zulauf an Asthmakranken und Erstickungsanfällen. Schließlich leidet die Gesundheit der Einwohner von Basra unter der starken Umweltverschmutzung und der Versteppung, die sich im gesamten Irak ausbreitet. Doch die Kinder haben die Stürme überlebt.
Man sagt, das Gerücht sei in der Stadt Nadschaf entstanden, die für die Schiiten heilig ist. Es hieß, man müsse die Köpfe seiner Kinder mit dem pflanzlichen Haarfärbemittel Henna einreiben - andernfalls würden die Sandstürme sie umbringen. Dass Henna Menschen vor Stürmen schützt war mir neu. Doch die Leute liefen tatsächlich los, um eiligst Henna zu kaufen. Das führte innerhalb kürzester Zeit dazu, dass Henna um ein Vielfaches teurer wurde, bis es schließlich ganz ausverkauft war.
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Ich habe da einen Nachbarn. Er ist Grundschullehrer, ein sehr religiöser Zeitgenosse, mit einer starken Neigung zur Schwarzseherei. In angespannter Wachsamkeit wartet er auf den Weltuntergang – auf die schiitische Version davon, versteht sich. Dabei versäumt er nie, mich über jedes obskure Detail der jüngsten Ereignisse aus der metaphysischen Welt auf dem Laufenden zu halten.
So ist er zum Beispiel davon überzeugt, dass der verborgene Mahdi auf einer Ebene, die wir mit unserem Bewusstsein nicht wahrnehmen können, noch immer seine ewigen Kriege gegen die Ungläubigen führt. Und wie gerne würde er seiner Armee beitreten! Als Beweis für seine Bereitschaft hat er sich auch den Mahdi-Milizen2 angeschlossen. Dabei zog er sich eine Schusswunde am Oberschenkel zu. Als ich ihn gestern sah, hinkte er gerade seiner Frau und seinen Kindern hinterher, deren Köpfe vom Rot des Hennas nur so leuchteten.
Einige „säkulare“ Skeptiker meinen, das Gerücht über die Sandstürme sei viel zu allgegenwärtig gewesen, um einfach ein herkömmliches Ammenmärchen zu sein. Dahinter könne sich nur die Absicht einer Institution verbergen. Es sei eine Art Testballon gewesen, von den religiösen Autoritäten ausgesandt, um den Bewusstseinsgrad der Leute zu messen. Ihre Theorie stützen sie dann wieder mit einer ganzen Reihe von Mythen, die zeitgleich umherschwirren. Beispielsweise die Sage der Völker Gog und Magog, furchteinflößende Wesen der islamischen Überlieferung, die die Welt bedrohen und an unserer Landesgrenze zum Iran leben sollen.
Dabei bedarf es eigentlich gar keiner großen Anstrengung, einer verunsicherten Gesellschaft mit rund neun Millionen Analphabeten Gerüchte unterzuschieben. Der Klerus und seine Parteien geben sich ihrerseits außerordentliche Mühe, das schiitische Heulkalenderjahr bei der Bevölkerung systematisch zu konsolidieren. Rund ums Jahr gibt es religiöse Anlässe, bei denen es gilt, den Märtyrertod der Nachkommenschaft des Propheten zu beweinen.
Viele meiner Bekannten haben diese mystisch-schwarzseherische Neigung. Das scheint überhaupt ein unter Irakern verbreiteter Zug zu sein, entstanden über Jahrhunderte der Armut und Unterdrückung. Es gibt viel, vor dem die Iraker Angst haben und vor dem schon der Koran warnte.
Zu allererst natürlich der böse Blick der Neider. An zweiter Stelle kommen gleich Geister und Dämonen, gefolgt von Hunden und schwarzen Katzen. Möchten Sie etwas Positives über etwas sagen, was ein Iraker besitzt, oder über einen seiner Söhne, dann hüten Sie sich davor, dabei übertrieben zu klingen. Lassen Sie Ihren Worten immer ein relativierendes „Masha Allah“ („Wie Gott es will“) vorausgehen, sonst ernsten Sie argwöhnische Blicke.
Dann gibt es noch eine Menge Leute, die ganz verrückt sind nach Gebetsketten und bunten Steinen. Sie sind überzeugt, dass diese Krankheiten heilen können, sie gegebenenfalls vor Mord zu schützen und schöne Frauen magisch anlocken. Und hin und wieder geben sich gewisse Herrschaften als Nachkommen des Propheten aus und behaupten im Besitz übernatürlicher Fähigkeiten zu sein: Talismane wollen sie fertigen können, sowohl für Jungfrauen als auch für Verheiratete. Und Vermisste wieder finden. Und einem den Unterhalt für den Rest des Lebens sichern.
Mein Nachbar, der Grundschullehrer, war gerade mit seiner Familie unterwegs zum Schrein des jüdischen Propheten Esra, dessen Grabstätte Teil der lokalen Bräuche geworden ist. Dabei vergaß er auch nicht, sich von mir mit den Worten zu verabschieden: „Wir werden auch für Euch Esras Segen erbitten, gepriesen sei er.“ Ich dankte ihm recht herzlich und sagte ihm, dass ich hoffe, er möge, zumindest für die nächste Zukunft positive Prognosen mitbringen.
Foto: SABAH ARAR/AFP/Getty Images














