Wiederaufbau: „Wo bleiben die Deutschen?“
16.02.2009  | Lilli Oberndorfer   

Deutsche für Irak / Wirtschaft
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Unternehmensberater Martin Müller erklärt im Gespräch, wieso es sich lohnt, jetzt in der irakischen Zementbranche zu investieren, was dabei zu beachten ist. Und welchen Vorsprung die Konkurrenz schon hat

WPI: Herr Müller, wie geht es der deutschen Zementindustrie im Moment?

Martin Müller: Die allgemeine Entwicklung ist seit einigen Jahren leider bedenklich. Einige Anlagenbaufirmen haben durch Missmanagement und strategische Fehlentscheidungen weg vom Anlagenbau den weltweiten Anschluss verpasst, sind in finanzielle Schieflage gekommen oder von ausländischen Firmen übernommen worden.

Zusätzlich machen den Zementwerkseignern, die nicht mit Reststoffverbrennung arbeiten, die hohen Brennstoffpreise zu schaffen. Der Bedarf an Zement ist in Deutschland durch die verbreitete moderne Leichtbauweise nicht sehr hoch und liegt bei circa 300 Kilogramm pro Person.

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Die deutschen Konzerne der Zementbranche sind auch keine Global Players mehr. In der ehemaligen DDR haben Anlagenbauer weltweit Zementwerke in die sozialistischen Bruderstaaten verkauft. Nach der Wende wurden sie aufgekauft, geschlossen oder haben das Geschäft auf Deutschland und Europa begrenzt. Dadurch haben sie den Anschluss an den internationalen Trend verpasst. Allerdings muss man sagen, dass neue Technologien überwiegend aus Deutschland kommen.

Warum die Deutschen trotzdem nicht weltweit am Anlagenbau beteiligt sind? Die Deutschen sind schwerfällig, sehr vorsichtig, und sie knüpfen nicht so leicht Kontakte ins Ausland. Möglicherweise braucht die deutsche Zementindustrie mehr Rückhalt von Politik und Diplomatie. Die Dänen und Franzosen zum Beispiel besitzen mehr diplomatisches Geschick.

Bedeuten Auslandsinvestitionen im Hinblick auf die Finanzkrise eine Chance?

In der jetzigen Finanzkrise muss man mit weniger Aufträgen und einer erschwerten Kreditvergabe rechnen. Möglicherweise kann das Konjunkturpaket mit seinen zahlreichen Bauprojekten die Nachfrage kurz- bis mittelfristig steigern. Wenn eine Investition im Ausland gut durchdacht, die Finanzierung gesichert ist und der Investor Vergünstigungen durch den irakischen Staat bekommt, kann solch ein Projekt eine gute Option sein.

Wie bestehen deutsche Unternehmen in der Zementbranche gegen die Billigkonkurrenz aus China und Indien?

Ich befürchte, dass die neuen regionalen Größen auf dem Zementmarkt wie die Chinesen, Inder, Iraner oder Türken schon längst ein Auge auf den irakischen Markt geworfen haben. Auch die Griechen versuchen zurzeit im arabischsprachigen Raum zu expandieren.


Martin Müller wurde am 11. April 1940 in Oppeln (im heutigen Polen) geboren. Nach seinem Studium der Fachrichtung Baustoffe und Verfahrenstechnik an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar arbeitete er 30 Jahre lang im Zementwerk Rüdersdorf bei Berlin. Danach überwachte er für die Firma Köppern, ein exklusiver Zulieferer für die dänische Anlagenbaugröße FL Smidth, die Inbetriebnahme neuer Zementanlagen in Thailand, der Türkei, Griechenland, Polen und China. Später war er für die Inbetriebnahme des Unionbridge Zementwerks bei Washington DC, das zu HeidelbergCement gehört, verantwortlich. Seit 1992 ist er Berater der Entwicklungsabteilung bei KHD in Köln und anderen Zementanlagenbauern

Chinesische oder indische Firmen können deutlich billiger Zementwerke bauen. Deshalb haben europäische Global Players wie die dänische FL Smidth beispielsweise den indischen Zulieferer Larsen & Toubru als exklusiven Subunternehmer für den indischen und arabischen Raum unter Vertrag. Die österreichische ÖMAG kooperiert mit türkischen Zulieferern, um heruntergekommene Zementwerke preiswert modernisieren zu können. Auch deutsche Firmen wie KHD und Krupp-Polysius haben Zulieferer und Subunternehmer in Indien und China, um preislich mithalten zu können und gleichzeitig Qualität made in Germany zu liefern. Sie müssten jetzt nur einen weiteren Trumpf ausspielen: Deutschland ist im Irak aufgrund früherer Handelskontakte und des Know-hows hoch geschätzt. An die alten Handelskontakte aus den Siebziger- und Achtzigerjahren könnte man leicht wieder anknüpfen und sich dadurch Vorteile verschaffen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Zementsektors im Irak?

Die Zementwerke im Irak wurden zwischen den Sechziger- und Achtzigerjahren durchgehend von namhaften europäischen Zementanlagenfirmen erbaut. Es gab damals eine funktionierende Zementindustrie. Bis zum ersten Golfkrieg war der Irak sogar eine regionale Größe als Zementexporteur. Dann haben die beiden Kriege und das Embargo die Zementindustrie sehr zurückgeworfen.

Gibt es im Irak genügend Rohstoffe?

Die Länder des arabischen Raums haben generell große Vorkommen an Kalkstein, dem Hauptbestandteil des Zements. Speziell in den nördlichen Regionen sind die geologischen Voraussetzungen meines Wissens nach sehr gut. Auch vulkanische Asche wird ausreichend vorhanden sein. Wegen des ariden Klimas kann es allerdings sein, dass Ton schwieriger zu finden ist. Da braucht man geologische Untersuchungen, um Genaueres sagen zu können. Das betrifft aber eher den Neubau von Zementwerken.

Wo ein Zementwerk schon steht und nur modernisiert werden soll, existieren ja schon Abbaulizenzen und Abbauhalden in der Nähe. Da die meisten Werke in den vergangenen Jahren nur auf dem Bruchteil ihrer Kapazität gelaufen sind, könnten noch genug Vorkommen vorhanden sein. Das ist aber aus der Ferne definitiv schwer zu sagen.

Im Irak produzieren noch viele alte Werke im energieintensiven Nassverfahren. Sehen Sie hier Bedarf für den Bau neuer Werke?

Zuerst gilt es, alte Werke aufzurüsten oder auf das Trockenverfahren umzurüsten. Sobald der Markt eng wird, wird es sicherlich nötig sein, neue Werke zu bauen.

Was ist günstiger – Modernisierung oder Neubau, möglicherweise sogar schlüsselfertig?

Schlüsselfertige Werke werden heute selten angeboten; das Risiko, die Kosten und der organisatorische Aufwand sind für den Anbieter einfach zu hoch. Bei der Modernisierung von Werken liegt der Vorteil auf der Hand: Die Infrastruktur existiert, die Rohstoffversorgung ist geregelt, Abbaulizenzen sind vorhanden, die Wohnsiedlung für die Belegschaft steht, erfahrene Arbeiter können übernommen werden. Allerdings müssen für die Weiterbildung der Belegschaft, besonders bei der Umstellung vom Nass- auf Trockenverfahren, mindestens drei bis sechs Monate eingerechnet werden. Bei der Umrüstung auf Vollautomatisierung dauert das Training noch länger. In diesem Fall sollten die führenden Mitarbeiter auch über eine Hochschulbildung verfügen. Auch ein werkseigenes kleines Kraftwerk zur unabhängigen Stromversorgung ist nötig.

Wann lohnt sich der Aufwand einer Umrüstung?

Das müsste man für jedes Werk einzeln prüfen. Wenn die Brennstoffe sehr günstig sind, kann man auch ein Werk mit Nassverfahren, das doppelt oder dreimal so viel Brennstoff benötigt wie ein Werk im Trockenverfahren, weiterführen. Alte Werke im Nassverfahren, die wenig Kapazität haben, werden aber über kurz oder lang abgeschaltet werden müssen. Der Umbau kann sich schon rechnen, wenn das Werk mehr als eine Megatonne Zement pro Jahr Kapazität und nur eine oder zwei Produktionslinien hat. Generell dürften Zementwerke, egal ob im Trocken- oder Nassverfahren, die ab den Achtzigerjahren erbaut wurden, leichter umzurüsten sein als ältere Anlagen.

Wie beurteilen Sie die Brennstoffversorgung im Irak?

Zur Befeuerung eines Zementwerks empfiehlt sich entweder Gas oder Schweröl. Gas hat den Vorteil, dass es nicht industriell bearbeitet werden muss. Schweröl muss ebenfalls kaum raffiniert werden. Das bedeutet einen großen Vorteil, gerade wenn die Raffinerie-Industrie im Irak noch nicht wieder voll aufgebaut und modernisiert ist, das Land aber genügend Erdöl- und Gasvorkommen hat.

Wir Deutschen sollten nicht so schwerfällig sein, sonst werden die Verträge ohne uns gemacht Laut irakischem Investitionsgesetz verbleiben die alten Zementwerke im Besitz des Staates als Hauptanteilseigner; der Investor besitzt nur Anteile und verdient an Betrieb und Produktion. So sieht es auch der Vertrag zwischen AHG Industry aus Cottbus und dem irakischen Industrieministerium vor.

Sehen Sie das als Vorteil oder Nachteil?

Ich kenne die speziellen Verträge nicht. Man müsste die Konditionen genau kennen, um darüber zu urteilen. Generell ist der Betrieb eines Zementwerks sehr teuer. Man braucht zahlreiche Spezialisten, um die Produktion zu überwachen. Die müssen erst mal gefunden und bezahlt werden, und das auf längere Zeit. Das hat aber beispielsweise FL Smidth nicht davon abgehalten, genau solche Verträge in der Vergangenheit abzuschließen. Die deutschen Anlagenbauer haben lieber die Variante gewählt, bei der das Werk gebaut und danach an den Eigentümer übergeben wird. Aber auch das ist nicht ohne Risiko. Meistens gibt es eine dreijährige Garantiezeit: Die muss erst mal ohne Probleme überstanden werden. Deshalb rechnen die Anlagenbauer die Risiken von Garantieleistungen immer ins Budget mit ein.

Jenseits der Garantiebestimmungen: welche Risiken lauern noch im Irak?

Zuerst ist die Sicherheitslage entscheidend. Wenn die ausreichend ist – wie es schon in einigen Provinzen heute der Fall ist –, stellen sich ähnliche Probleme wie in anderen Ländern der Region: Bürokratie, Korruption, schlechte Infrastruktur, Marktengpässe und so weiter. Man sollte sich auf jeden Fall gut informieren und vertrauenswürdige Ansprechpartner oder Geschäftspartner im Irak suchen.

Vorausgesetzt, die Lage im Irak ist sicher und Gesetzgebung und Nachfrage entwickeln sich weiterhin positiv: Wie sehen Sie die Chancen für deutsche Unternehmen?

Wenn die Sicherheitslage geklärt ist, sehe ich vor allem zuerst einen Markt für die Modernisierung und Aufwertung alter existierender Anlagen. Das können sogar kleinere Firmen technisch schaffen. Besonders der hohe Pro-Kopf-Verbrauch lässt auf eine hohe und stetige Nachfrage und gute Gewinnaussichten schließen.

Aber nicht nur für Anlagenbauer ist die Prognose gut. Alle Branchen, die direkt und indirekt mit der Industrie verknüpft sind, können profitieren. Ich denke da speziell an große Maschinen zum Abbau und Transport von Rohstoffen. Die verschleißen nach spätestens fünf Jahren; die Nachfrage dürfte also auf Jahre hinaus gesichert sein.

Auch auf dem Gebiet der Automatisierung von Industrieanlagen, wo Firmen wie ABB oder Siemens weltführend sind, gibt es im Irak eine große Nachfrage. Gerade die Deutschen sind im Bereich Förderbandanlagen und industrielles Equipment, Maschinen- und Fahrzeugbau traditionell führend, nehmen Sie nur Firmen wie Liebherr oder MAN.

Wir sollten da nicht schwerfällig sein, sonst werden die Verträge ohne uns gemacht.

 

Fotos: Nele Pachnike (WPI, 4)