Branchen / Finanzen

Bagdads Börse wächst und beschert großen und kleinen Anlegern solide Gewinne. Mohammed Ismail Murad setzt hier täglich auf sein großes Glück. Ein Arbeitstag im Leben eines irakischen Börsenhändlers
Mohammed Ismail Murad hat einen Traum: „Jeden Morgen, wenn ich das Haus verlasse, hoffe ich, dass dies der Tag ist, an dem ich den großen Coup lande. Hoffentlich heute!“ Es ist Sonntag in Bagdad. Der erste Tag der Arbeitswoche in der arabischen Welt ist noch keine zehn Stunden alt. Mohammed Murad überquert hastigen Schrittes den belebten Al-Alawiya-Platz im Herzen der Stadt und steuert geradewegs auf ein altes Kirchengebäude zu. Dahinter liegt, gut versteckt im Schatten des Daches, eine kleine Gasse. Wer kein Insider ist, würde nie auf die Idee kommen, hier einen Fuß hineinzusetzen. Am Ende der Gasse stellen sich auch noch Betonblöcke in den Weg. Doch genau hier will Murad hin und seinen Traum wahr machen. Hinter den drei Meter hohen Betonstehlen verbirgt sich nämlich Bagdads heimliches Finanzzentrum: die irakische Börse.
Der Innenhof des Börsengebäudes ist abgeschirmt. Wachmänner durchsuchen akribisch die Taschen jedes Besuchers. Murad kennt das Prozedere. Seit Jahren kommt er schon hier hin. „Zocken“ ist sein Leben. Er kann es sich überhaupt nicht mehr vorstellen, als einfacher Angestellter einem normalen Job nachzugehen. „Ich brauche den Nervenkitzel.“
Alles zum Thema Banken & Börse+ Das irakische Banksystem+ Zahlungsverkehr im Irak+ Börse in Bagdad: Von Finanzkrise keine Spur+ Irakische Börse: „Wir sind ein Hedge-Fonds mit Herz“+ Finanzen: Die Bank, die zum Kunden kommt+ Geschäftsidee: Eine Mini-Börse in Kurdistan
Mohammed Murad ist Broker. Seit 1992 investiert er an der irakischen Börse. Der Nervenkitzel ist jedoch auch zugleich sein größter Feind: „2003 habe ich mein gesamtes Kapital, wirklich alles, was ich besaß, verloren.“ Er war gerade mit dem Kauf von Wertpapieren großer Firmen beschäftigt, da stürzten die Preise ins Bodenlose: von Hunderten von Dinar auf nur einen Dinar. „Seitdem versuche ich, zumindest einen Teil an der Börse zurückzugewinnen.“
Irakische Börse weiter im Aufwind
Die Chancen für Mohammed Murad stehen nicht schlecht. Anfangs von ausländischen Investoren belächelt, hat sich die irakische Börse ISX (Iraqi Stock Exchange) inzwischen zu einem lukrativen Marktplatz im Nahen Osten entwickelt. Seitdem die neue Börse in Bagdad im Juni 2004 zum ersten Mal nach dem Sturz von Saddam Hussein ihre Pforten wieder öffnete, hat sich die Zahl der Anleger und Anbieter vervielfacht: Im Dezember 2009 wurden laut der Nachrichtenagentur Aswat Al-Iraq Aktien im Wert von knapp 7,5 Milliarden Irakischen Dinar (rund 4,4 Millionen Euro) an der Börse gehandelt. 94 Prozent davon entfielen auf den Bankensektor. Da die Börse international kaum vernetzt ist, tangieren sie auch keine Finanzkrisen oder Börsencrashs. Die Kurse steigen – und das stetig.
Für irakische Verhältnisse hat sich der Wandel der Börse in Lichtgeschwindigkeit vollzogen. Seit April 2009 werden Aktienkurse digital auf Bildschirmen angezeigt. Zuvor wurden die aktuellen Kurse noch auf abwaschbaren Tafeln von Hand notiert. (WPI berichtete: + Börse in Bagdad: Von Finanzkrise keine Spur)
Seit dem 1. November 2009 ist das Börsengebäude an allen fünf irakischen Werktagen (Sonntag bis Donnerstag) jeweils zwei Stunden geöffnet. Früher konnten Händler lediglich drei Mal pro Woche spekulieren. Rund 200 Anleger und Broker zieht es täglich in die Räumlichkeiten am Al-Alawiya-Platz. Wie in anderen Börsenmetropolen der Welt herrscht auch in Bagdad ein geschäftiges Treiben, Händler kommunizieren per Handzeichen, brüllen in ihr Handy.
Mittendrin: Mohammed Murad. Auch er profitiert von den Neuerungen. Seit die Börse schrittweise auf das digitale Handelssystem umgestellt wurde, finden sich an mehreren Ecken in den Handelsräumen LCD-Bildschirme mit den aktuellen Kursen. Anleger können die Entwicklung von Angebot und Nachfrage jetzt kontinuierlich verfolgen.
Fremdeln mit der neuen Technik
Neu ist auch die Möglichkeit, Kauf- und Verkaufshandlungen in einer Sitzung durchzuführen; selbst innerhalb von Minuten, wenn sich die Chance auf einen guten Gewinn ergibt. Nicht jeder ist von der neuen Technik begeistert, sagt Murad: „ Viele Anleger kommen einfach nicht damit klar. Aber ich bin zuversichtlich. Es gibt eine Menge positiver Dinge, die in unserem Land passieren. Das wird sich sicher in unserer Arbeit an der Börse widerspiegeln.“
Eine dicke Glasscheibe trennt den Saal der Anleger vom Saal der Broker, sie können nur über ein internes Telefonsystem kommunizieren. Beiden Seiten ist es nicht gestattet, den jeweils anderen Bereich zu betreten, Teil des Regelwerks an der irakischen Börse: „Als Broker in Bagdad bin ich Vermittler und Investor zugleich“, erklärt Murad. Er vermittelt Wertpapiere, hat aber gleichzeitig das Recht auf den Kauf von Aktien, von denen er sich eine angemessene Gewinnsumme erwarte. Um eine Bevorteilung auszuschließen, verliert er wie die anderen Broker das Vorkaufsrecht der „einfachen“ Anleger. Murad kann nur die Menge an Aktien kaufen, die ein Anleger nicht erwerben will. „Der Anleger hat das Vorrecht, dann erst kommt der Broker, so sind die Gesetze des Marktes.“
Die meisten Anleger, die sich an der Bagdader Börse betätigen, zählen zu den älteren Semestern. Graumelierte Herren, viele von ihnen pensionierte Beamte. Sie halten insgesamt nur wenige Anteile und erzielen nur bescheidene Gewinne beim Kauf und Verkauf, meist nicht höher als 25 US-Dollar pro Deal. Bagdads Kleinanleger sind geradezu süchtig nach den täglichen Börsensitzungen: „Die meisten kennt man vom sehen. Sie kommen jeden Tag“, sagt Murad.
Großanleger geben den Ton an
Das Gegenteil der Kleinanleger sind die Großanleger, die auch „Walfische“ genannt werden. Kaum ein Walfisch verirrt sich je in die Gänge der Börse. Sie gehören zum Hauptkundenstamm der Broker, die deren Portfolios kommissarisch verwalten. Auch Murad schließt Geschäfte für diese Großanleger ab. Alle Blicke an der Börse sind auf sie gerichtet, erklärt er: Setzt ein Broker im Namen eines Walfischs auf eine bestimmte Aktie, dann ist das auch ein Signal an die Kleinanleger. „Jeder weiß, dass ein Walfisch sein Geld nicht leichtsinnig riskieren würde. Es muss sich also um einen sicheren Deal handeln.“
Weiterführende Informationenwww.investorsiraq.comwww.isx-iq.netwww.isx-iq.net: Brokers list
Was bleibt unterm Strich für Mohammed Murad? „Manche Leute denken, ich sei reich, weil ich Broker bin. Das ist totaler Schwachsinn.“ Seine Firma teilt Murad mit zwei Freunden, mehr als einen Broker können sie sich nicht leisten, alle anfallenden Arbeiten erledigen sie selbst. „Das ist stressig. Aber ich habe keine andere Wahl.“
Der heutige Handelstag geht zu Ende. Einen großen „Coup“ konnte Murad zwar nicht landen, aber er hat auch nichts verloren – erst recht nicht seinen Optimismus: „Am Ende werde ich wieder reinholen, was ich vor Jahren an Aktien einbüßen musste. Mit der Zeit und mit dem Einstieg neuer Anleger wird die Lage immer besser werden.“ Was ihn besonders beruhigt: dass auch Ausländer begonnen haben, ihr Geld an der Bagdader Börse zu investieren.
Foto: Thaier al-Sudani (REUTERS)











