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Seit ihrer Wiedereröffnung im Juni 2004 hat sich die irakische Börse in Bagdad zu einem seriösen Umschlagplatz für Wertpapiere gemausert. Tendenz: positiv. Und das bei einer Öffnungszeit von nur zwei Stunden, drei Mal die Woche
Das Gebäude ist gut versteckt, ohne ortskundigen Fahrer unauffindbar. Bis unter die Zähne bewaffnete Wachleute patrouillieren auf offener Straße, nur einen Steinwurf von der belebten Karrada Street, Bagdads Shoppingmeile, entfernt. Dicke Betonmauern versperren neugierigen Blicken die Sicht. Was von außen wie ein arabisches Fort Knox aussieht, beherbergt in Wirklichkeit einen weitaus weniger augenscheinlichen Schatz: die irakische Börse.
Der Bagdader Aktienmarkt im Herzen der Hauptstadt erlebt seit vergangenem Jahr seinen zweiten Frühling. Während die Börsenkurse in den westlichen Finanzzentren nach wie vor Achterbahn fahren, blicken die irakischen Broker nicht ohne Stolz auf ein gelungenes Geschäftsjahr zurück. Der irakische Börsenindex schloss das Jahr 2008 laut ISX mit 58.360 Zählern, einem satten Plus von 68 Prozent gegenüber dem Stand zum Jahresbeginn. Zwar sind die Gewinne längst nicht so beträchtlich wie früher unter Saddam Hussein, aber es geht spürbar bergauf. Auch die positive Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts, das im vergangenen Jahr um mehr als zehn Prozentpunkte zulegen konnte, verheißt Gutes. Man blickt hoffnungsvoll ins neue Jahr.
Die Zeiten waren nicht immer so rosig. Nach der US-geführten Irak-Invasion im Jahr 2003 wurde der tägliche Weg zum Arbeitsplatz eine Gefahr für Leib und Leben der Aktienhändler und -käufer. Bombenterror und schwere finanzielle Verluste bei Banken und Firmen prägten das Bild des Börsenalltags in der kriegsgebeutelten irakischen Hauptstadt.Trotz mangelhafter Technik boomt der Markt
Heute hat sich die politische Lage stabilisiert, und das Börsengebäude wird schwer bewacht. Es weht wieder ein Hauch von mesopotamischem Geschäftstreiben durch die Räumlichkeiten im Bagdader Stadtbezirk Karrada. Dreimal pro Woche öffnet die Börse für je zwei Stunden den Händlern ihre Pforten. Die aktuellen Kurse werden noch handschriftlich auf Tafeln notiert. Ältere Aktienhändler studieren mit Fernglas die neuesten Zahlen und Kursentwicklungen. Aufgrund fehlender Technik wird auf Zuruf gehandelt. Reiche Iraker, die nicht aus Bagdad kommen, geben ihre Anweisungen per Mobilfunk an die Börsenmakler durch. Die unzureichende technische Ausstattung birgt auch Vorteile: Trotz der massiv auftretenden Stromausfälle im Irak kann der Handel an Bagdads Börsenschauplatz ungehindert weitergehen.
Zu Zeiten Saddam Husseins unterstand die Börse der vollständigen Kontrolle durch das Finanzministerium. Selbst die Familie des Despoten ließ es sich nicht nehmen, ab und an persönlich im Aktienhandel zu intervenieren. Die Renaissance der Börse im Jahr 2004 brachte auch wirtschaftspolitische und finanzrechtliche Neuerungen auf den Weg. Während früher in erster Linie Korruption und Vetternwirtschaft das Daily Business des irakischen Wertpapiermarktes vergifteten, versucht man inzwischen, internationale Börsenstandards großzuschreiben.
So hat die irakische Börse heute das Statut einer autonomen Institution, die sich selbst verwaltet und reguliert. 2004 wurde zudem die regierungsunabhängige Iraq Securities Commission (ISC) zur Kontrollbehörde über den Wertpapierhandel ernannt, die nach Vorbild der US-amerikanischen Securities and Exchange Commission (SEC) für Recht und Ordnung beim Spekulieren sorgen soll. Neben den rechtlichen Rahmenbedingungen setzt die Behörde auch durch Gesetzesüberarbeitungen Akzente, um ausländische Investitionen auf dem irakischen Markt zu erleichtern. Als Exekutivgremium kann ISC darüber hinaus Sanktionen wie beispielsweise Geldstrafen gegen Firmen verhängen, die sich durch unlauteren Wettbewerb oder Regelverstöße Vorteile verschaffen wollen.
Zurzeit sind laut ISX lediglich 96 Unternehmen an der Börse in Bagdad notiert. Entsprechend gering fällt das durchschnittliche Handelsvolumen auf dem irakischen Aktienmarkt aus, der mit nicht einmal einer Million US-Dollar pro Tag auf dem internationalen Parkett kaum Schritt halten kann – in den USA werden im Tagesschnitt vergleichsweise bis zu 100 Milliarden US-Dollar erzielt.
Auch der Anteil der ausländischen Investoren am irakischen Gesamtbörsenhandel betrug Schätzungen von USA Today zufolge im Jahr 2008 gerade mal 20 Prozent. Insbesondere die Amerikaner zielen auf einen prosperierenden Börsenhandel zwischen Euphrat und Tigris, in der Hoffnung, so die Privatisierung von irakischen Staatsunternehmen voranzutreiben.
Von Finanzkrise keine Spur
Doch gerade weil die Zahl der internationalen Investitionen nach wie vor dürftig ist, verpufft die globale Finanzkrise zumindest im Irak. Vor allem Wertpapiere von Banken, Versicherungen und aus der Industrie bringen gutes Geld. Vergangenes Jahr erwies sich der Handel mit Hotelaktien als besonders lukrativ: Viele Käufer setzten auf diesen vermeintlichen Trumpf, in der Erwartung, dass ausländische Investoren anbeißen würden. Zu den großen Gewinnern zählt das Baghdad Hotel, das sein Kapital, heute rund 1,3 Millionen Euro, mehr als verzehnfachen konnte, sowie das Palestine Hotel, dessen Kapitalwerte mit zwei Millionen Euro unangefochten an der Spitze liegen (Quelle: ISX, Stand: Januar 2009).
Doch wie auch in den anderen Finanzmetropolen der Welt diktieren in Bagdad weniger Ratio und kühle Köpfe als vielmehr Gerüchte und Emotionen die Entwicklungen der Kurse. Bombenanschläge und Chaos bringen den Aktienmarkt mittlerweile nur noch selten ins Straucheln – zu sehr haben sich die Börsianer an die Gegebenheiten des Landes gewöhnt. Als jedoch der Vorsitzende der Basra International Bank und sein Sohn im Februar 2008 entführt wurden, fiel die Aktie des Geldinstituts sogleich um mehrere Prozentpunkte. Heute hat die Bank wieder den Stand von Dezember 2007 erreicht. (fie)
Quellen:
+ Iraqi Stock Exchange
+ Aswat al-Iraq
+ USA Today
Fotos: Wathiq Khuzaie (Getty Images)














