Politik / Diplomatie
Beim Runden Tisch der Ghorfa überzeugt der neue irakische Botschafter in Berlin nicht nur durch Kreativität beim Lösen von Problemen
Am frühen Abend des 4. Juli war die Welt noch in Ordnung. Vielleicht war sie sogar ein bisschen mehr als das. Es herrschte Vorfreude auf das Halbfinale Spanien gegen Deutschland. Gerade hier, direkt neben dem Brandenburger Tor in Berlin, wo eine lachende, schwarz-rot-goldene Prozession auf dem Weg zur Siegessäule vorbeizog. Die gute Stimmung steckte ganz offensichtlich an, schwappte wie eine La Ola-Welle ins Haus der Commerzbank hinein.
„Wir lieben den Irak“, sagte Dr. Florian Amereller, Vorstandsmitglied der Ghorfa (Arab-German Chamber of Commerce and Industry) in seiner Begrüßungsrede zum „Rountable Iraq“.
„Auch ich liebe den Irak“, sagte Dr. Alexander Tettenborn vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie und ergänzte, dass das hier, ganz nach Casablanca-Art, der Beginn einer wundervollen Freundschaft sei.
„Sie setzen mich ganz schön unter Druck“, antwortete, von soviel Zuneigung fast ein wenig überwältigt, der neue Botschafter des Irak in Berlin, Dr. Hussain Mahmood Fadhlalla Alkhateeb, pries dann seinerseits „den Irak als ein vielversprechendes Land“ und sagte: „Ich freue mich sehr, dass deutsche Geschäftsleute in den Irak gehen und dort mit ihren eigenen Augen sehen, dass das ganze Land wieder zum Leben erwacht.“ Außerdem, sagte der Botschafter noch, wünsche er sich sehr, dass die deutsche Mannschaft nachher gegen Spanien gewinne.
Auch wenn zumindest letzteres ganz anders kam, war in den Räumen der Commerzbank das Aufwärmprogramm beendet. Nach den gegenseitigen Sympathiebekundungen und Liebeserklärungen konnte mit den konstruktiven Gesprächen begonnen werden. Es war bei einem seiner ersten Treffen mit deutschen Geschäftsleuten der neue irakische Botschafter, der die Schönspielerei beendete.
Überraschend offen sprach Dr. Hussain Mahmood Fadhlalla Alkhateeb von noch immer unentdeckten Massengräbern in seiner Heimat, von Sicherheitsproblemen sowie Terrorismus und davon, dass sich in einigen Teilen des Iraks so etwas wie eine Infrastruktur nicht existiere. Ganz zu Schweigen von dem immer noch grassierenden Problem mit der Korruption. „Dieser Krankheit“, wie er sie nannte. Anhand der Fieberkurve der Malaise kann aber auch die Entwicklung des Landes abgelesen werden: „Es gab früher Orte im Irak, da standen vier Leute in der Gegend rum, die bestochen werden wollten und die man auch bestechen musste, wenn man voran kommen wollte. Heute steht da nur noch einer. Und selbst der beginnt sich allmählich zu schämen “, sagte Dr. Hussain Mahmood Fadhlalla Alkhateeb.
Obwohl oder gerade weil er die Probleme seines Landes ansprach, zeichnete der Botschafter kein durch und düsteres Bild seiner Heimat. „Wir Iraker“, sagte er, „lernen schnell.“ Mal ganz abgesehen von den natürlichen Ressourcen, die den Irakern zur Verfügung stehen. „Unter der Erde haben wir Öl, darüber Sonne en masse.“ Es kann also wiederaufgebaut werden. Und: „Es gibt nicht viele Länder, die so viel zum Wiederaufbau des Irak beitragen können wie Deutschland.“ Eine Einschätzung, die zumindest in diesem Raum an diesem Abend wirklich jeder unterschrieben hätte.
Und so ging es bei dem folgenden Frage und Antwortspiel mit dem Botschafter auch viel darum, was deutsche Unternehmen denn tatsächlich zum Wiederaufbau beisteuern können.
Technik für Sonnenenergie? Ja, unbedingt!
Windräder zur Stromgewinnung? Nein, der Wind im Irak bläst nicht kräftig genug.
Eine ständige, deutsche Messe in Bagdad? Ja!
Produktionsstandorte deutscher Firmen im Irak? Herzlich willkommen!
Wann wird in Bagdad die neue Regierung gebildet? Keine Antworten auf politische Fragen, nur soviel: „Die belgische Regierung hat auch sechs Monate gebraucht. Und wie sagte der italienische Botschafter in Bagdad einst so treffend: Die Iraker lösen ihre Probleme immer in der 25. Stunde des Tages.
Was da noch keiner wusste: Auch Deutschland hätte an diesem Abend gut eine 25. Stunde gebrauchen können; zu groß waren die Probleme, die elf Spanier der Nationalmannschaft machten. Nur gut, dass es den Irak gibt. Ein bisschen mehr Engagement dort und Deutschland ist zwar nicht Fußball- aber immerhin wieder Exportweltmeister.
Foto: Lilli Oberndorfer/ WPI











