Inder in Kerbala: Gott ist mit den Tüchtigen
19.04.2010  | Alaa Waheed   

Handeln / Messen
E-mail   Print    


Die Unternehmer, die in diesen Tagen zu einer Wirtschaftskonferenz nach Kerbala kamen, verband etwas Besonderes: Sie alle gehören einer kleinen Glaubensgemeinschaft an, die eine eigene, hocheffektive Wirtschaftsethik vertritt. Gerade ziehen sie im Rekordtempo durchs Land, um für ihre neuen Projekte zu werben

 

Kurz bevor die Wirtschaftskonferenz beginnen sollte, schien sie schon zu Ende zu sein: Der Najaf Airport war aus Sicherheitsgründen überraschend geschlossen worden. Ursprünglich hatten die Veranstalter, die Handelskammer Kerbala und die indische Handelskammer „Burhaniyah Business Councelling Center“ (BBCC) die Konferenz für den 10. und 11. April geplant, nun waren Flexibilität und Phantasie gefragt. Schließlich erreichten die meisten Teilnehmer ihr Ziel über andere Flughäfen und viele Umwege, wenn auch erst zum 13. und 14. April. Mehr als 80 Firmen waren vertreten, davon knapp die Hälfte aus Indien, andere kamen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, aus Kuwait, Pakistan, den USA, China und Großbritannien.

Slideshow











Hier geht's zur Fotostrecke

Auch der Irak war gut vertreten: 200 lokale Unternehmer waren gekommen, der indische Botschafter Abdul Majid Padar sowie hochrangige Vertreter der Provinzregierung, Vorsitzende der örtlichen Handelskammer und Investitionsbehörde sowie Repräsentanten der jeweiligen landesweiten Dachorganisationen. Sie berichteten über Projekte in Kerbala und die Möglichkeiten, dort zu investieren. In kleinen Gruppen erörterten sie dann die Details für die Branchen Bau, Medizin, Lebensmittelindustrie, IT, Elektroindustrie, Tourismus und Landwirtschaft. Anschließend führten sie ihre Gäste zu Baustellen, erläuterten Großprojekte vor Ort und zeigten ihnen Plätze, die sich besonders gut als Standorte für Projekte eignen.

Auf den ersten Blick eine ganz alltägliche Wirtschaftskonferenz – dennoch zeichnete sie etwas Besonderes aus: Alle Teilnehmer sind Mitglieder der kleinen schiitisch-ismaelitischen Glaubensgemeinschaft der Buhraniya, die hauptsächlich in Indien, aber auch im Jemen, den Emiraten und westlichen Staaten lebt. Auch die indische BBCC ist nur für Anhänger dieser Religionsgemeinschaft zuständig. Was sich für Europäer seltsam anhört, macht in diesem Fall Sinn: Die meisten der weltweit 12 Millionen Buhras – so werden die Anhänger der Buhraniya genannt – sind im Handel und andern Wirtschaftsbereichen tätig und vertreten eine eigene Wirtschaftsethik. Sie sprechen von den „verborgenen“ Bedeutungen der Koranverse, aus denen sie eigene Glaubensgrundsätze hergeleitet haben, die an den Kalvinismus oder die protestantische Ethik des 18. Jahrhunderts erinnern. „Gott ist mit den Tüchtigen“ – diese Überzeugung spiegelt sich auch in ihrem Namen: „Buhra“ bedeutet in ihrem westindischen Heimatdialekt nichts anderes als: „Händler".

Trotzdem sind die Buhras nicht nur wegen lukrativer Handelsgeschäfte nach Kerbala gekommen, wie Zoeb H.N. Nooruddin, ein Repräsentant der Handelskammer BBCC sagte. Sie wollen auch investieren, vor allem in die Hotellerie und in den Wohnungsbau „Jedes Jahr kommen die vielen Millionen Pilger nach Kerbala, der Bedarf ist enorm.“ Als Teil der schiitischen Glaubensgemeinschaft pilgern auch viele Buhras jedes Jahr zu den heiligen Stätten nach Kerbala und Nadschaf.

Mehr zum ThemaPilgerreisen: Nadschaf im SteigflugBestattungstourismus: Letzte Ausfahrt NadschafReiseziele: Urlaub zu Babil

Die BBCC hat für ihre Pilgerbrüder und Geschäftsreisende bereits ein weitläufiges Anwesen in bester Lage erworben, in unmittelbarer Nähe des Imam Abbas-Schreins, das Ziel von Pilgern aus aller Welt ist. Auch Buhra-Unternehmer haben bereits zahlreiche Immobilien in den beiden heiligen Städten Nadschaf und Kerbala erworben. Die Verbindung von religiöser Verbundenheit mit der Region und wirtschaftlichen Interessen hat ihnen auch schon so manchen Auftrag beschert. 1986 bekamen Buhra-Firmen den Zuschlag für den Bau eines Mausoleums in Nadschaf, die letzte Ruhestätte für Hod und Saleh, zwei volkstümliche Heilige.

Solche Erfolge sollen sich wiederholen, die Konferenz ist ein erster wichtiger Schritt. Zoeb H.N. Nooruddin zeigte sich „sehr zufrieden mit dem Ausgang der Konferenz, vor allem weil wir den örtlichen Entscheidungsträgern und der Unternehmergemeinschaft unsere Produkte präsentieren konnten.“ Am Ende der Konferenz vereinbarte die BBCC mit der Handelskammer Kerbala eine Kooperation: Sie sieht den Austausch von Informationen über attraktive Investitionen und Ausschreibungen und gegenseitige Delegationsbesuche vor.

Bereits am folgenden Tag brachen die indischen Unternehmer zu einer zweitägigen Konferenz ins benachbarte Nadschaf auf. Danach ging es zu einer Veranstaltung nach Samawa in der südwestlichen Provinz Muthanna. Schließlich nutzten einige Buhra-Unternehmer die Gelegenheit noch für einen Kurztrip in die Hauptstadt der kurdischen Region Erbil, um dort weitere Geschäftschancen auszuloten. Gott ist eben mit den Tüchtigen.

 

Fotos: Alaa Waheed (WPI)