Handeln / Messen
Sicherheitsbedenken? Keine! Visa-Probleme? Bald gelöst. Die Chinesen haben längst ganz andere Schwierigkeiten und fragen sich: Wie bekommen wir unsere Waren im Wert von mehreren Milliarden Euro noch schneller in den Irak
Große Gewinne hat Herrn Muhi Al-Din noch keine gemacht. Heute ist ihm das auch noch egal. Aber in Zukunft, soviel ist klar, soll sich das ändern. Aber jetzt, in der Gegenwart, geht es Herrn Muhi Al-Din und all den anderen chinesischen Händlern hier auf der Messe in der südirakischen Stadt Nadschaf darum, „sich mit einem neuen Markt auseinander zu setzen.“ Sogar Arabisch hat der dreißigjährige chinesische Händler Muhi Al-Din dafür gelernt, wenn auch eines mit dem typisch chinesischen Singsang.
Herr Muhi Al-Din sagt: „Was uns am meisten nützt, ist, dass wir die Wünsche der irakischen Konsumenten in Nadschaf kennenlernen und ihre Meinung zu unseren Produkten erfahren. Hier haben wir die Möglichkeit, direkt mit den irakischen Händlern und Geschäftsleuten zu kommunizieren.“
Slideshow
Hier geht's zu den Chinesen von Nadschaf...
Und Gelegenheiten zu einem Gespräch hier und einem Schwätzchen da boten sich in Nadschaf en masse. Die öffentlich zugängliche Messe, die zwischen dem 12. Juni und 1. Juli stattfand, zog zahlreiche Besucher aus der gesamten Provinz an. In der Pilgerstadt, deren größte Attraktion neben schiitischen Heiligtümern der größte Friedhof der islamischen Welt ist, ist so ein Shopping-Event wie eine Messe eine willkommene Abwechslung. Die Besucher schauten sich zwar die präsentierten Produkte an – von Textilien, Parfümen, Haushaltsgeräten, Geschenkartikeln, Dekoration und Kinderspielzeug bis zu Elektro-Geräten, Baumaschinen und -materialien – kauften aber weniger als erwartet. Für manch einen Besucher waren die Produkte einfach zu teuer. Und das obwohl man mit dem Label „Made in China“ in Nadschaf vor allem eines verbindet: billige Ware.
Frau Zhou, chinesische Geschäftsfrau und Mitglied im Management der „Golden Camel Quilt Factory“, meint, den Fehler der Aussteller erkannt zu haben: „Die Ausstellung ist für den Geschmack der Konsumenten aus den Golfstaaten, speziell für Emiratis konzipiert.“ Sie wundert das nicht. Schließlich haben die meisten Aussteller aus dem Reich der Mitte einen Firmensitz in den Emiraten und kennen den dortigen Markt gut. „Aber hier funktioniert das so nicht“, sagt sie. Der Geschmack, die Konsumgewohnheiten und die Kaufkraft der Iraker sind anders. Ganz so einfach scheint der Markteintritt auch für den Exportweltmeister nicht zu sein. Nadschaf ist nun mal nicht Dubai.
Trotzdem ist für Faris Al-Maliki, Manager des irakischen Messeveranstalters Tel Baghdad, die Messe ein erster Erfolg. Seit dem Einmarsch der Amerikaner 2003 war dies, bezogen auf die Teilnehmerzahl, die größte Messe-Veranstaltung in der Region. Zwei ähnliche Messen hatte Al-Maliki mit chinesischer Beteiligung bereits in Zusammenarbeit mit dem Messeveranstalter des irakischen Handelsministerministeriums und dem chinesischen Unternehmen Tareema mit Sitz in Dubai organisiert. Allerdings hatten in der südostirakischen Stadt Nasiriya und Nadschafs Nachbarstadt Kerbala wegen Sicherheitsbedenken lediglich 15 beziehungsweise 35 Aussteller teilgenommen.
Visa-Problematik bald gelöst
Faris Al-Maliki sagt, er sei stolz darauf, dass er die Sicherheitsbedenken der Chinesen ausräumen konnte. Unterstützt hat ihn dabei Herr Zhang, Geschäftsführer des chinesischen Veranstalters Tareema. Seine Firma konnte zahlreiche Unternehmen, die zuvor beim Markteinstieg in den Irak zurückhaltend reagierten, zur Teilnahme bewegen. Herr Zhang ist vom Zukunftsmarkt Irak mehr denn je überzeugt. Doch seit sich die Sicherheitslage verbessert hat, drängen sich nun andere Probleme in den Vordergrund. „Jetzt sind die Verzögerungen bei der Lieferung von Waren und die Visa die größten Herausforderungen.“
Die Visa-Probleme dürften möglicherweise bald gelöst sein. China und der Irak nähern sich wieder an, politisch und vor allem wirtschaftlich. Sie wollen die traditionell starken Beziehungen, vor allem seit der Wirtschaftsblockade in den Neunzigern bis zum Sturz Saddam Husseins 2003, wiederbeleben. Damals war der Markt von chinesischen Waren überflutet, amerikanische oder europäische Produkte suchte der Iraker vergeblich. Einerseits waren die chinesischen günstig, andererseits spielte natürlich auch die politische Verbindung zwischen Bagdad und Peking eine große Rolle.
Nach einigen Jahren der Zurückhaltung auf beiden Seiten, kehren nun die Wirtschaftsbeziehungen allmählich zu ihrer früheren Stärke zurück. Das Handelsvolumen zwischen dem Irak und China belief sich laut dem irakischen Finanzminister Baqir Jabar Al-Zubaidi in den ersten drei Quartalen des Jahres 2009 auf rund 4 Milliarden US-Dollar – eine Steigerung von 78 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Um ein neues Kapitel der Wirtschaftsbeziehungen aufzuschlagen, erließ China dem Irak im Februar dieses Jahres zudem vier Fünftel seiner Schulden bei chinesischen Unternehmen: eine stattliche Summe von 6,1 Milliarden Euro. Bereits 2007 strich Peking alle Schulden, die der Irak durch Staatskredite hatte. Die chinesischen Großunternehmen aus dem Industrie- und Ölsektor sind schon längst etabliert. Die chinesische Ölgesellschaft CNPC und der britische Ölkonzern BP erschließen mit der staatlichen irakischen Ölgesellschaft Southern Oil das südirakische Ölfeld Rumaila. Ein Milliarden-Deal, denn das Rumaila-Feld umfasst schätzungsweise 15 Prozent der irakischen Erdölvorkommen. Auch an der Erschließung des Ölfeldes Halfaya ist CNPC zusammen mit der französischen Ölgesellschaft Total und dem malaysischen Staatskonzern Petronas beteiligt. Die chinesische Ölgesellschaft CNOOC und der türkische Staatskonzern TPAO erhielten den Zuschlag für den Maysan-Ölfeldkomplex mit schätzungsweise 2,5 Milliarden Barrel Vorkommen.
Auch Unternehmen aus ölverarbeitendem Industrie- und Dienstleistungssektor haben den Fuß bereits in der Tür. Beim Handel mit Waren des alltäglichen Bedarfs ist das Reich der Mitte neben der Türkei und Iran marktbestimmend, allerdings im Niedrigpreissegment. Dass die Chinesen auch Qualität liefern können, wollen sie bei der Messe beweisen.
Einen Besucher, den Augenarzt Adnan Abd Al-Wahhab, der gerade einen Stapel neue Hemden gekauft hat, haben sie davon bereits überzeugt. „Was die Messe so einzigartig macht, ist die Qualität der Waren. Sicher sind die Preise hier höher als für andere chinesische Produkte auf dem Markt, aber dort findet man eben nicht so eine gute Ware.“
Die Messe fördert die kulturelle Annäherung
Spannender als die Waren sind für manch einen Messebesucher die chinesischen Firmenvertreter. Die Messe hat sich in der heiligen Stadt der Schiiten, in der es weder Kino noch Theater gibt und auch öffentliche Musik verboten ist, im Nu zu einer Freizeitattraktion gewandelt. „Die meisten Menschen hier haben keine Möglichkeit, mit Ausländern in Kontakt zu treten, außer mit den Iranern, die als Pilger hierher kommen,“ sagt Amir Abbas (28), einer der Besucher. „Es ist für uns sehr interessant, uns mit den Chinesen auszutauschen.“ Amir Abbas hofft darauf, dass die Messe den Weg für andere Veranstaltungen wie diese mit ausländischer Beteiligung in Nadschaf ebnen wird.
Auch Adnan Abd Al-Wahhab sieht die Messe als Möglichkeit des kulturellen Austauschs, „um endlich einmal Ausländer zu treffen, die keine Muslime sind.“ Sichtlich beeindruckt hat ihn dabei die interkulturelle Kompetenz der Chinesen, besonders die der Frauen. „Sie gaben mir das Gefühl, dass sie unsere lokalen Traditionen respektieren, das rechne ich ihnen hoch an.“
Auch auf chinesischer Seite fühlte man sich respektiert. Die Aussteller nutzten die Gelegenheit, um sich die Stadt anzuschauen, über die Märkte zu schlendern, das Warenangebot zu sichten und mit den Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Vor wenigen Jahren wäre das undenkbar gewesen: 2004 lieferten sich hier amerikanische Truppen und die „Mahdi-Armee“ des extremistisch-schiitischen Predigers Muqtada As-Sadr heftige Gefechte. „Mittlerweile ist die Sicherheitslage hier in Nadschaf gut,“ bestätigt Miqdad al-Musawy, Sprecher der örtlichen Polizei. „Sie sehen ja: Ein ausländischer Tourist kann hier ganz ungezwungen durch die Stadt spazieren.“
Vielleicht werden sich die Einwohner Nadschafs bald an das Bild ausländischer Geschäftsleute in den Straßen ihrer Stadt gewöhnen. Denn Faris Al-Maliki vom Messeveranstalter Tel Baghdad ist ehrgeizig. Die Chinesen sind nur der erste Schritt. Er will, dass andere ausländische Unternehmen sich noch mehr an solchen Messen beteiligen, am liebsten deutsche Unternehmen. „Die haben beim irakischen Konsumenten nämlich einen ausgezeichneten Ruf.“
Fotos: Faris Harram (5) (WPI)











