Mobile Sicherheit: Hasardeure unerwünscht
14.09.2009  | Interview: Gunnar Maul   

Deutsche für Irak / Sicherheit
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Fahrrad fahren in Bagdad? Nein. Eine Eisenbahnlinie im Irak bauen? Ja. Olaf Hoffmann, Geschäftsführer der Dorsch Gruppe, erklärt warum die Auswahl und die Ausbildung der Mitarbeiter beim Thema Sicherheit der Schlüssel zum Erfolg sind


WPI: Herr Hoffmann, Ihre Firma baut Eisenbahnlinien und Flughäfen im Irak. Setzen Sie Ihre Mitarbeiter damit nicht unkalkulierbaren Sicherheitsrisiken aus?

Olaf Hoffmann: Wir als Firma haben derzeit keine Mitarbeiter im Irak. Sie haben Recht, dass wir derzeit große Infrastrukturprojekte durchführen, aber die Ausführung erfolgt durch unsere irakischen Partner. Wir können nicht in die Fläche gehen.

Wie gewährleisten Sie dann, dass die Projekte auch entsprechend Ihrer Planungen durchgeführt werden?

Der Schlüssel dazu ist koordinierte Arbeitsteilung. In unserem Arbeitsfeld ist gerade mobile Sicherheit, also der Schutz von unseren Mitarbeitern während der Arbeit im Feld, von herausragender Bedeutung. Dieses umgehen wir, in dem wir unsere irakischen Partner in Deutschland schulen. Wir befähigen Sie in unserem Sinne die notwendigen Arbeiten auszuführen, die für Bauvorhaben notwendig sind.

Während Sie die Planung und das Projektmanagement von Deutschland machen.

Genau. Nehmen Sie zum Beispiel den Bau einer Eisenbahnlinie. Von Deutschland aus analysieren wir per GPS die Geländeprofile, was wir heute schon mit einer Genauigkeit bis 2 Zentimetern tun können. Belastbare Daten zur Bodenbeschaffenheit erhalten wir daraufhin von unseren Partnern vor Ort, die wir mit exakten GPS-Daten versorgen. So sammeln wir alle wichtigen Daten, auf deren Grundlage wir den Bau planen können. Durch unsere Schulungen in Deutschland erreichen wir damit eine Qualität, die sich nicht von der unterscheidet, als ob wir selber Ingenieure vor Ort hätten.

Und der Rest ist Kommunikation per Telefon und Mail?

Nicht ganz. Durch die Begegnung der Partner im Rahmen unserer Workshops ist die Grundlage für eine relativ reibungslose Kommunikation gelegt. Das persönliche Kennenlernen ist unersetzlich, wenn „Der Schutz unserer Partner im Irak steht für uns auf gleichem Niveau wie der unserer Mitarbeiter.“ man eine gemeinsame Sprache finden will. Aber natürlich treffen wir uns regelmäßig in der Green Zone, um die weiteren Arbeiten zu koordinieren. Ohne persönlichen Kontakt geht es nicht.

Aber auch für die irakischen Partner besteht doch ein erhöhtes Entführungsrisiko, wenn bekannt ist, dass sie für eine deutsche Firma arbeiten.

Das kommunizieren wir in der Tat auch nicht öffentlich. Der Schutz unserer Partner steht für uns auf gleichem Niveau wie der unserer Mitarbeiter. Aber vergessen Sie nicht, dass sich das Land mitten im Aufbruch befindet. Die Anzahl der Iraker, die schon jetzt am Wiederaufbau beteiligt sind, ist immens.

Was für Gefahrenszenarien können denn ganz konkret entstehen, wenn man vor Ort tätig ist?

Grundsätzlich muss man unterscheiden zwischen Projekten, die stationärer und linearer Natur sind. Ein stationärer Kraftwerkbau ist vergleichsweise einfach durchzuführen. Sie ziehen eine Mauer um das Baugelände und lassen es bewachen. Die Kosten dafür sind im Vergleich zur mobilen Sicherheit relativ gering. Wenn Sie allerdings Straßen, Eisenbahnlinien oder Pipelines bauen, schießen die Kosten schnell in die Höhe, da sie Sicherheitsteams mit den Ingenieuren mitschicken müssen. Das muss ein Unternehmer immer mit einkalkulieren. Wenn allerdings irakische Partner diese Arbeiten übernehmen, entfallen diese Kosten zu großen Teilen.

Aber nicht nur finanziell ist das eine neue Situation, auch vom Zeitaufwand unterscheiden sich solche Projekte doch dann von vergleichbaren in Deutschland.

Nein, überhaupt nicht. Die Baumaßnahmen finden im gleichen Tempo statt wie auch in anderen Kontexten. Der Planungsaufwand ist allerdings ein wenig höher. Insbesondere da sich irakische Geschäftspartner mit deutschen Unternehmen nur noch ungern in Arbil, Amman oder Istanbul treffen. Auf irakischer Seite werden kaum noch Geschäftsleute akzeptiert, die im Irak tätig werden wollen, aber das Land meiden. Die Sicherheitslage hat sich stark verbessert. Nicht in den Irak zu reisen, stößt auf Unverständnis. Aber die Planungen für eine Reise in den Irak bedürfen trotzdem einiger Vorbereitungszeit.

Wie lang ist denn eine solche Vorbereitungszeit?

Vor allem muss ich mir als deutscher Unternehmer erst einmal überlegen, was ich eigentlich will. Viele haben eine fixe Idee, aber beschäftigen sich nicht mit den Details. Zunächst einmal muss der Markt sondiert werden. Was für Ausschreibungen gibt es? Was bedeutet es für mein Unternehmen und meine Mitarbeiter, wenn wir die Bauleitung für ein Projekt übernehmen? Was sind die Konsequenzen für mich und meine Mitarbeiter? Das ist, was kurzfristig zu beachten ist. Langfristig ist es notwendig, sich im Klaren zu sein, wie sich die gesamtwirtschaftliche Situation darstellt, also ob mein Vorhaben auch langfristig sinnvoll ist. Und der Irak ist im Grunde ein Markt, in dem nur langfristiges Agieren wirklich sinnvoll ist. Der irakische Markt ist ein Markt für Fortgeschrittene.

Was meinen Sie damit genau?

Wir als Firma sind in 22 arabischen Ländern aktiv. Ich denke nicht, dass jemand, der die Region nicht kennt und weiß wie die Gepflogenheiten sind, in den irakischen Markt einsteigen sollte. Zu den Sicherheitsrisiken kommen die kulturellen Besonderheiten, und im Sinne unternehmerischer Verantwortlichkeit muss man als Geschäftsführer abwägen, ob ein solches Engagement wirtschaftlich tatsächlich sinnvoll ist.

Wenn ich diese Frage mit ‚Ja’ beantwortet habe, was kommt als nächstes?

Sie müssen ein geeignetes Projekt auswählen, die Kontakte aufbauen und dann können Sie mit den Reiseplanungen beginnen. Mit allen bürokratischen Erfordernissen wie Visumsantrag und Terminabsprache, Reiseplanung und der Organisation eines Sicherheitsunternehmens würde ich hierfür zwei Monate einplanen. In der konkreten Ausgestaltung unterstützt Sie aber auch das Servicebüro Wirtschaft in Bagdad. Die kennen die Ansprechpartner.

Und dann senden Sie zur Geschäftsanbahnung den zuständigen Angestellten in den Irak.

Nein, das ist Geschäftsführeraufgabe. Es ist meine Verantwortung, die Situation vor Ort zu kennen. Ich kann meinen Mitarbeitern nicht zumuten, was ich mir selber nicht zumute. Ich denke, dass sollte jeder Unternehmer berücksichtigen. Es geht nicht nur um Geschäfte, die ich nur im Irak selber initiieren kann, es geht auch um die Sicherheit meiner Mitarbeiter. Ich trage die Verantwortung für ein wirtschaftliches Engagement und die persönliche Unversehrtheit meiner Angestellten.

Das schließt aber nicht aus, dass sich Ihre Mitarbeiter nicht unverantwortlich verhalten und in Gefahr begeben.

Wir würden ausschließlich Leute in das Land senden, die wissen, wie man sich in Krisensituation zu verhalten hat. Das letzte was der Irak braucht sind Hasadeure und Draufgänger, die sich und andere in Gefahr bringen. Jeder Unternehmer sollte ausschließlich erfahrene Planer senden und die Situation vor Ort aus eigener Anschauung kennen. Ich weiß, dass das in Deutschland nicht immer der Fall ist. Das ist nicht nur leichtsinnig, sondern auch rücksichtslos gegenüber den Entsandten und deren Familien. Dass wir für unsere Mitarbeiter die entsprechenden Versicherungen abschließen, versteht sich von selber.

Die Einschätzung der Situation vor Ort wird von den deutschen Medien nicht gerade erleichtert. Den Irak nimmt der deutsche Fernsehzuschauer oder Zeitungsleser bestenfalls wahr, wenn eine Bombe explodiert.

Das ist Logik der Medien. Bevor die Zeitungen Afghanistan als gefährlichstes Land der Erde wiederentdeckten, war der Irak die Hölle auf Erden. Natürlich darf ich bei meiner Reiseplanung die aktuelle Situation nicht außer Acht lassen, wie sie in den Zeitungen gezeichnet wird, aber die Wahrheit liegt woanders. So sehr meine irakischen Kontakte die Sicherheitswarnung des Auswärtigen Amts auch immer wieder kritisieren, im Grunde genommen bildet sie doch ab, welches Verhalten sinnvoll ist. Unter den gegebenen Sicherheitsvorkehrungen und aus geschäftlichem Grund ist eine Reise in die Green Zone machbar. Nach Kurdistan ist eine Reise vergleichsweise ungefährlich. Aber verantwortliches Handeln muss auch hier die oberste Maxime bleiben. So wenig wie Sie in Bagdad durch die Stadt radeln wollen, müssen Sie in Arbil auf dem Wochenmarkt einkaufen gehen. „So wenig wie Sie in Bagdad durch die Stadt radeln wollen, müssen Sie in Arbil auf dem Wochenmarkt einkaufen gehen.“ Möglich ist das alles. Ich sehe es aber, wie schon erwähnt, immer unter dem Aspekt, was ich mir und meinen Mitarbeitern zutrauen kann und will.

Auf irakischer Seite beschönigt man also die Situation?

Das würde ich nicht unbedingt sagen, aber die Iraker sind anderes gewöhnt, daher ist die Einschätzung relativ. Das Empfinden, die Situation sei sicher, hat auch mit einer sehr hohen Schmerzgrenze zu tun. Dazu kommt, dass die Iraker voller Enthusiasmus den Aufbau im Land vorantreiben wollen. Die Situation ist wie in Deutschland nach dem Krieg in den 1940ern. Aber mir scheint, die Iraker sind noch willensstärker als die Deutschen damals und wollen ihr Wirtschaftswunder Wahrheit werden lassen. Oft schießen sie daher mit ihren Einschätzungen für das deutsche Sicherheitsempfinden über das Ziel hinaus.

Und dennoch sind diese Einschätzungen wichtig, wenn Sie Ihre Projekte vorbereiten?

Ja, auf jeden Fall. Der Irak ist sehr heterogen und die Gefahrenlagen entwickeln sich in den verschiedenen Regionen sehr unterschiedlich. Jeden Monat muss man für die Zielregion, in der man tätig ist, alle erhältlichen Informationen zusammentragen – auch die irakischen. Die Fortschritte im Bereich sind nicht schwer vorhersagbar, und ich würde nicht einmal ausschließen, dass es in naher Zukunft nicht sogar sicher ist, Rad in Bagdad zu fahren – wenn der Verkehr nicht wäre.

 

Fotos: Dorsch Gruppe