Deutsche für Irak / Sicherheit
Konvoi, gepanzertes Fahrzeug, Personenschutz? Oder: allein, im Taxi, undercover? Michael Müller vom Sicherheitsdienstleister Control Risks verrät, wie man im Irak die Risiken minimiert und wann die Alarmglocken läuten
WPI: Herr Müller, Control Risks ist seit dem Jahr 2003 im Irak – wie beurteilen Sie die aktuelle Sicherheitslage?
Michael Müller: Die Situation hat sich in allen Landesteilen verbessert, Anzahl und Heftigkeit von Anschlägen haben deutlich abgenommen. Insbesondere im Norden des Landes, das kurdische Gebiet ist sicherer als der Rest des Irak. Einen Risikoschwerpunkt bilden jedoch nach wie vor Bagdad und die angrenzenden Landesteile. Insbesondere dort besteht das Risiko, Opfer eines Anschlags oder einer Entführung zu werden.
Gefährliche Regionen gibt es überall auf der Welt – vor welchen Schwierigkeiten stehen gerade ausländische Unternehmer im Irak?
Grundsätzlich herrscht sowohl bei der Regierung als auch bei der Bevölkerung eine sehr positive Stimmung gegenüber westlichen Investoren. Erschwerend für Unternehmer ist jedoch, dass im Irak eine sehr komplizierte Gemengelage herrscht. Die jeweiligen Interessen unterscheiden sich zwischen verschiedenen Regionen, Stämmen, Städten und Stadtteilen. So ist es sehr schwierig, einen Ansprechpartner wirklich einschätzen zu können. Und es besteht die Gefahr, zufällig, nur aufgrund der eigenen Präsenz, in einen Anschlag verwickelt zu werden.
Zur Person
Das britische Unternehmen Control Risks ist mit weltweit 34 Büros einer der führenden Sicherheitsdienstleister. Control Risks berät Unternehmen und Regierungen und organisiert vor Ort die Sicherheit von Personen und Projekten, etwa mit klassischem Personenschutz und umfassenden Hintergrundanalysen zu Geschäftspartnern. Risikobewertung und – management beziehen sich dabei nicht nur auf persönliche, sondern auch auf wirtschaftliche und rechtliche Sicherheit. Im Irak ist Control Risks seit dem Jahr 2003 präsent und beschäftigt zurzeit über 800 Mitarbeiter. Michael Müller ist Bereichsleiter Krisen- und Sicherheitsmanagement bei Control Risks Deutschland.
Was bedeutet das nun für Unternehmer, die im Irak aktiv werden wollen?
Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Das Gefährdungsprofil richtet sich unter anderem danach aus, in welchem Landesteil ich mich engagieren will und ob ich einen lokalen Partner habe, der mich unterstützt. In einem ersten Schritt sollte ich mein Projekt mit einem Sicherheitsdienstleister besprechen und eine Risikobewertung durchführen lassen. Daraus leiten sich dann die notwendigen Maßnahmen für die persönliche Sicherheit ab.
Was kommt da infrage?
In den nördlichen Landesteilen kann man oft niederschwellig arbeiten, beispielsweise wird nicht unbedingt ein gepanzertes Fahrzeug benötigt. In und um Bagdad empfiehlt sich dagegen die Nutzung gesicherter Fahrzeuge. Dort nutzen wir mehrere Fahrzeuge, um schnell auf die jeweilige Situation zu reagieren und nutzen täglich wechselnde Routen. Um diese festlegen zu können, nutzen wir eine Datenbank, die die neuesten Vorfälle kontinuierlich abbildet.
Das ist ein gehöriger Aufwand – wer bucht diese Art von Dienstleistung?
Meist sind es größere Unternehmen, die sich längerfristig im Irak engagieren, indem sie komplette Infrastrukturprojekte oder Aufträge aus dem Öl- und Gasbereich abwickeln. Aber auch Mittelständler sind darunter, die im Irak als Partner arbeiten und nur Teile dieser Projekte verwirklichen.
Aber das klingt nach einer ziemlich teuren Angelegenheit.
Die Kosten kann man nicht pauschal beziffern. Wir arbeiten durchaus für kleinere Unternehmen, deren Vertreter für Vertragsverhandlungen oder für zwei Wochen im Irak sind und dort mit lokalen Partnern arbeiten. Auch für diese Unternehmen ist der Service bezahlbar.
Garantierte Sicherheit bekommt man dafür aber nicht, oder?
Wir können nicht garantieren, dass man nicht in einen Anschlag oder einen Unfall verwickelt wird. Aber wir versuchen, das Risiko durch professionelle Vorbereitung und Durchführung so weit wie möglich zu minimieren.
Konvois, gepanzerte Fahrzeuge, Personenschützer – Kritiker sagen, damit würde man erst recht Aufmerksamkeit erregen und die Gefahr förmlich auf sich ziehen, und sie plädieren für eher unauffällige Low-Profile-Maßnahmen. Was sagen Sie dazu?
Low-Profile bedeutet, dass man sich den lokalen Verhältnissen anpasst und die örtlichen Gepflogenheiten annimmt. Man benutzt landestypische Fahrzeuge, nimmt das Taxi oder fährt mit dem lokalen Partner in dessen Auto. Man verzichtet auf aufwändige Ausstattung, etwa teure Uhren oder Anzüge, und hält sich an die Zeit des Aufstehens und der Mittagsruhe. Ziel ist es, möglichst unauffällig zu agieren. Diese Strategie hat sich bspw. in Mexico als erfolgreich erwiesen.
Im Irak haben wir aber andere Rahmenbedingungen. Anschläge werden durch extremistische oder terroristische Gruppen mit dem Ziel verübt, möglichst viele Personen zu verletzen. Bewusst werden dazu Anschläge an öffentlichen und belebten Plätzen geplant und ausgeführt. Deshalb ist der Low Profile Ansatz hier kaum nutzbringend.
Nun geht es beim Thema „Sicherheit“ nicht nur um Leib und Leben, sondern auch um sichere Geschäfte – welche Gefahren lauern dabei im Irak?
Korruption ist ein sehr wichtiges Thema, mit dem sich Unternehmen im Irak früher oder später konfrontiert sehen. Zudem sind die rechtlichen Rahmenbedingungen unsicher, und auch die Ineffizienz der Verwaltung ist ein ganz großes Problem. Im Irak braucht man Partner mit Verbindungen – was einem Projekt sehr viel schneller zur Realisierung verhelfen kann.
Man kann sich mit dem falschen Partner aber auch große Probleme einhandeln. Nicht wenige Unternehmer mussten die Erfahrung machen, dass sie ausgenutzt wurden.
Dieses Problem wird mit der wirtschaftlichen Entwicklung im Irak zunehmen. Man muss sich unbedingt vorab über seinen möglichen Partner informieren. Es gibt Dienstleister, die prüfen, wer sich wirklich hinter einem Geschäftspartner verbirgt und ob er einen Vertrag überhaupt erfüllen kann. Oder ob es jemand ist, der nur eine Anschubfinanzierung braucht und das Projekt danach im Sande verlaufen lässt. Das politische Feld ist dabei immer zu berücksichtigen, denn Politik und Wirtschaft sind im Irak eng verzahnt. Politiker und Parteien haben wirtschaftliche Interessen – nicht zwingend für sich selbst, aber bspw. für ihre Stadt – in Form von Arbeitsplätzen oder Investitionen.
Viele Unternehmer sagen, entscheidend für die persönliche Sicherheit und sichere Geschäfte im Irak seien persönliche Beziehungen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Der lokale Partner wird Ihnen in der Regel sagen, dass er über Beziehungen verfügt und für Ihre Sicherheit garantieren kann. Viele größere Partner können das auch, viele kleine jedoch nicht – oder nur eingeschränkt. Umso wichtiger ist es, dass ich meinen Partner kenne – nur so kann ich einschätzen ob das, was er sagt, auch realistisch ist, oder ob ich zusätzliche Maßnahmen ergreifen muss.
Wer sich in persönliche Netzwerke begibt, kann sich auch besondere Gefahren einhandeln. Welche sind das im Irak?
Ich kann von diesem Netzwerk wirtschaftlich abhängig werden, aber auch persönlich, etwa über Korruption oder Bestechungszahlungen. Und gerade den letzten Punkt muss man als deutscher Unternehmer angesichts der Gesetzeslage immer vor Augen haben. Auch als Mittelständler.
Wie kann ich merken, dass ich gerade in Gefahr gerate?
Der Alarm sollte angehen, wenn Ihnen Ansprechpartner vorgestellt werden, die Genehmigungen besorgen oder den Zugang zu Behörden und Märkten erleichtern können, und die dafür eine gewisse Gegenleistung erwarten. Das kann eine Einladung zum Essen sein, die Zahlung von Geld. Oder sie verlangen bestimmte Wertgegenstände.
Und wenn ich als Unternehmer bereits in einer unsicheren Situation stecke? Wie komme ich wieder heraus?
Entweder Sie brechen das Projekt ab, oder Sie reden mit den Leuten. Handeln Sie auf eigene Faust, gibt es nur diese beiden Optionen, und beides kann sinnvoll sein. Oder Sie nutzen einen Dienstleister, der sich mit den wirtschaftlichen, rechtlichen und kulturellen Risiken auskennt und Sie aus der Situation bringt, ohne dass Sie große Verluste machen oder sämtliche Chancen verlieren, jemals wieder im Irak wirtschaftlich tätig zu sein.
Welche mittelbaren Maßnahmen können Unternehmer für ihre Sicherheit ergreifen, etwa indem sie sich ein sicheres Umfeld schaffen und um Sympathie werben?
Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Unternehmer können sich in Begleitprojekten engagieren, etwa bei der Bildung oder im Sozialbereich, und so sowohl der Bevölkerung als auch den Entscheidungsträgern signalisieren: Ich bin nicht nur kurz hier um Geld zu verdienen, sondern ich helfe auch, die Lebensverhältnisse zu verbessern. Möglichkeiten gibt es genug. Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist in weiten Teilen des Landes begrenzt, und auch die medizinische Versorgung ist mangelhaft. Auch bei größeren Projekten können kleine Unternehmen helfen, etwa indem sie sich in einer bestimmten Region zusammenschließen. Oder man unterstützt eine Hilfsorganisation mit Geld – auch kleinere Beträge sind da sehr gern gesehen.
Offenbar ist Sicherheit heute im Irak ein komplizierter Mechanismus mit vielen Stellschrauben – wird sich das jemals ändern?
Wahrscheinlich wird sich der Irak weiter positiv entwickeln. Die Menschen werden wieder mit Arbeit Geld verdienen können. Die einheimischen Sicherheitskräfte sind jetzt gut ausgebildet, und es besteht durchaus die Chance, dass sie nach dem Abzug der Amerikaner für Sicherheit sorgen können, zumindest auf mittlere Sicht. Zumal es der jetzigen Regierung gelungen ist, die rivalisierenden Gruppen in den politischen Prozess einzubinden und sie davon zu überzeugen, dass man gemeinsam mehr erreichen kann. Investitionen werden sehr viel Geld ins Land bringen, aber dafür braucht es stabile rechtliche und politische Verhältnisse sowie ein sicheres Umfeld.
Der Deal ist also: Ihr hört mit den Anschlägen auf, dafür beteiligen wir euch an lukrativen Geschäften?
Das funktioniert eher andersherum: Die verschiedenen Gruppen sorgen für ein sicheres Umfeld, und damit entsteht die Möglichkeit eines wirtschaftlichen Aufschwungs, an dem alle partizipieren können.
Und bald kann der Unternehmer aus dem Ausland gefahrlos mit einem Becher Kaffee in der Hand durch Bagdad laufen.
Mit einer Glaskugel könnte ich Ihnen vermutlich diese Frage genau beantworten. Ich gehe davon aus, dass dieses Szenario leider in den kommenden zehn Jahren nicht wahrscheinlich ist.
Foto: Wathiq Khuzaie (Getty Images)











