Branchenreport Gesundheit
13.07.2009  | Sven Recker   

Branchen / Gesundheit
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Zu wenig Ärzte, keine Gesundheitszentren, schlecht ausgestattete Krankenhäuser: Das einst vorbildliche Gesundheitssystem des Irak liegt darnieder. Jetzt investiert der Staat Milliarden von Dollar


1. Überblick
2. Historie
3. Lebenserwartung
4. Krankheiten
5. Medizinische Infrastruktur
6. Die Flucht der Ärzte
7. Die Versorgung mit Medikamenten
8. Die Gesundheitspolitik
9. Psychische Krankheiten
10. Der private Gesundheitssektor

 

1. Überblick

Der deutsche Konzern Siemens unterzeichnete im Februar dieses Jahres mit dem Gesundheitsministerium der Region Kurdistan einen Vertrag, der die Lieferung von medizinischem Equipment im Wert von sieben Millionen US Dollar beinhaltet. Die deutsche Firma German Medical Services baut derzeit im Auftrag der irakischen Regierung zwei Krankenhäuser in Nadschaf und Mosul mit einem Auftragsvolumen von je 150 Millionen Euro und ein deutscher Mittelständler schickt gerade zwei Container mit OP-Tüchern nach Bagdad. Nur drei Beispiele, die zeigen: das Potential, das die irakische Gesundheitsbranche für deutsche Unternehmen bietet, ist immens. Denn dem sich im Wiederaufbau befindlichen irakischen Gesundheitswesen fehlt es an fast allem – an technischem Gerät genauso wie an qualifiziertem Personal. Zahlen der amerikanischen Organisation USAID belegen das. Laut ihnen wird der pharmazeutische Markt im Irak, der derzeit noch ein Volumen von 200 Millionen Dollar hat, bis 2010 auf 250 Millionen Dollar angewachsen sein. Tendenz steigend.

 

2. Historie

In den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begann der Irak mit dem Aufbau eines einheitlichen und für alle Bürger frei zugänglichen Gesundheitssystems. Ende der Achtziger Jahre garantierten rund 172 moderne, staatliche Krankenhäuser und etwa 1200 Gesundheitszentren die medizinische Grundversorgung. Das Gesundheitssystem im Irak galt als eines der besten im Vorderen Orient. Das Niveau der Versorgung war vergleichbar mit dem westlicher Staaten; vor allem weil zahlreiche irakische Fachärzte in England, Deutschland oder in anderen westlichen Ländern studiert hatten.

Das einstige Vorbild Irak

Ende der Achtziger Jahre lag die Impfrate im Irak bei über 90 Prozent. Die Neugeborenen- und Müttersterblichkeit war vor 1990 die niedrigste in der gesamten Region. Selbst aus den Nachbarländern kamen Patienten, um sich in irakischen Krankenhäusern behandeln zu lassen. Auch als der UN-Sicherheitsrat 1990 ein Embargo gegen den Irak verhängte, funktionierte das Gesundheitssystem zunächst noch. Doch die humanitäre und damit auch die medizinische Lage im Irak verschlechterte sich durch die Kriege und die amerikanische Invasion 2003 von Jahr zu Jahr zusehends.

Heute ist das ehemals funktionierende Gesundheitssystem im Chaos versunken: viele Krankenhäuser und Gesundheitszentren sind zerstört oder wurden geplündert, die Hälfte aller Ärzte ist aus dem Irak geflohen, die Versorgung mit Lebensmitteln und sauberem Trinkwasser ist nicht mehr regelmäßig gewährleistet. In keinem anderen Land der Welt nahm die Kindersterblichkeitsrate so dramatisch zu wie im Irak: Zwischen 1990 und dem Jahr 2000 stieg sie um 160 Prozent.

 

3. Lebenserwartung

Die Daten und Fakten, die über die Lebenserwartungen der irakischen Bevölkerung veröffentlicht werden, weichen teilweise stark voneinander ab. Die jüngsten Zahlen finden sich im World Factbook der CIA. Der amerikanische Geheimdienst schätzt darin für das Jahr 2009 die Lebenserwartung der Iraker auf 69,94 Jahre (Männer 68,6 Jahre/Frauen 71,34 Jahre). Die Kindersterblichkeitsrate liegt laut CIA bei 43,82 Todesfällen pro tausend Neugeborenen (49,38 bei Jungen/37,98 bei Mädchen). Einer der Gründe für die hohe Kindersterblichkeitsrate im Irak ist, dass laut der WHO 45 Prozent der Kinder bei Hausgeburten ohne medizinische Betreuung zur Welt kommen. Jedes achte Kind im Irak erreicht das achte Lebensjahr nicht.

 

4. Krankheiten

Eine Vielzahl der im Irak vorkommenden Krankheiten wird durch unreines Wasser, mangelhafte Hygiene und Unterernährung ausgelöst. UNDP meldete im Jahr 2004, dass im Irak bis zu 223.000 Menschen kriegsbedingt an chronischen Krankheiten leiden. Siebzig Prozent der kindlichen Todesfälle sind auf Durchfall- und Atemwegserkrankungen zurückführen. Laut dem irakischen Gesundheitsministerium ist die Hälfte der irakischen Kinder stark unterernährt, zehn Prozent sind chronisch krank. Auch Erwachsene erkranken im Irak regelmäßig an Durchfall. Cholera ist endemisch. Jährlich sterben Tausende von Irakern (siehe Statistik unten) an der durch verunreinigtes Trinkwasser und mangelhafte Abwasserentsorgung ausgelösten Krankheit.

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Das Risiko im Irak an Malaria zu erkranken ist gering. Sie kommt lediglich in den nördlichen Grenzgebieten zur Türkei und Syrien vor. Fälle von Hepatitis A, B und C sowie Echinokokkose und Tollwut werden aus allen Regionen des Irak gemeldet. Gleiches gilt für Typhus.

Ein verstrahltes Land?

Seit dem Golfkrieg 1991 ist die Zahl der Krebserkrankungen insbesondere im Süden des Irak erheblich angestiegen. Laut der WHO treten bei irakischen Kindern Krebserkrankungen zehnmal so häufig auf, wie in Industrienationen. Ein Bericht der UNHCR vermutet, dass dieser erhebliche Anstieg, vor allem von Leukämie, darauf zurückzuführen ist, dass die US Army im Irak mit Uran angereicherte Raketen und Geschosse eingesetzt hat. Besonders betroffen von der radioaktiven Verstrahlung ist die Region um Basra im Süden des Landes.

Der kurdische Norden hingegen spürt auch heute noch die Folgen der Angriffe Saddam Husseins. Der Diktator setzte Ende der Achtziger Jahre bei seinen militärischen Attacken auf den Norden unter anderem chemische Waffen ein. Die kurdischen Opfer leiden unter Langzeitschäden. Die durch Krieg und ökonomische Krise ausgelöste zunehmende Verschmutzung der Umwelt hat landesweit zu einem Anstieg von Fehl- und Missgeburten sowie von Sterilität geführt. Den genauen Zusammenhang dieser beiden Faktoren untersucht derzeit die Al-Nahrain Universität in Bagdad.

Unsichtbare Narben

Der Krieg und die schwierige Sicherheitslage haben dazu geführt, dass im Irak immer mehr Menschen an psychischen Erkrankungen leiden. Laut einer Studie des irakischen Gesundheitsministeriums haben 35 Prozent aller Iraker psychische Störungen wie etwa akute Angstsymptome oder Depressionen. Auch die Gewalt in Familien hat stark zugenommen. HIV-Erkrankungen kommen im Irak zwar vor, spielen aber eine genauso untergeordnete Rolle wie die Vogelgrippe.

+ Medizinische Reisehinweise des Auswärtigen Amts

 

5. Medizinische Infrastruktur

Trotz Artikel 18 der Genfer Konventionen, wonach zivile Krankenhäuser unter keinen Umständen angegriffen werden dürfen, wurden im Irak zahlreiche Gesundheitseinrichtungen durch Kriegshandlungen nachhaltig zerstört. Rund sieben Prozent der Krankenhäuser wurden beschädigt, zwölf Prozent wurden während oder nach der amerikanischen Invasion geplündert. Einrichtungen der öffentlichen Gesundheitsvorsorge sind nach wie vor nur teilweise in Betrieb.

Nach Angaben des Roten Kreuzes sind im Irak heute noch 172 öffentliche sowie 65 private Krankenhäuser in Betrieb. Insgesamt verfügen sie über eine Kapazität von 30.000 Betten. Um eine flächendeckende medizinische Versorgung der irakischen Bevölkerung gewährleisten zu können, würde es jedoch 80.000 Betten benötigen. Der bauliche Zustand vieler Krankenhäuser ist mangelhaft. Anhaltende Probleme bei der Energie- und Wasserversorgung sowie der Müll- und Abwasserversorgung erschweren die Versorgung der Patienten genauso wie die Nichteinhaltung hygienischer Standards. Laut einem Bericht im deutschen Ärzteblatt verlassen etwa 80 Prozent der Patienten das Bagdader Krankenhaus Central Teaching Hospital for Children mit Infektionen, die sie bei Aufnahme nicht hatten. Ein WHO-Bericht von 2007 stellt fest, dass 70 Prozent der schwer verletzt in Krankenhäuser eingelieferten Patienten sterben würden, weil es an Medikamenten, Geräten und Personal mangelt.

Vor allem in den vier südlichen Provinzen Basra, Maysan, Dhi-Qar, Muthanna ist nach Angaben des Flüchtlingswerks UNHCR die Lage besonders prekär. Jede der Provinzen verfüge lediglich über eine größere Klinik. Und auch die seien nur unzureichend ausgestattet: nur ein Viertel der vorhandenen medizinischen Ausstattung ist einsatzbereit, die Arzneimittelversorgung ist unzuverlässig und andauernde Stromausfälle erschweren die Arbeit der Ärzte.

Der Faktor Strom

Aus der Hauptstadt Bagdad wird hingegen berichtet, dass den dortigen Kliniken mittlerweile wieder regelmäßig fließendes Wasser zur Verfügung steht. Außerdem verfügen sie über Notstromaggregate, die ihnen helfen, die zahlreichen Stromausfälle zu überbrücken. Die wichtigsten Medikamente sind meistens vorhanden. Trotzdem sind auch die Kliniken in der Hauptstadt noch immer auf ausländische Hilfen und Spenden angewiesen.

Es gibt aber auch Lichtblicke. So baut etwa die deutsche Firma German Medical Services derzeit im Auftrag der irakischen Regierung zwei Krankenhäuser in Nadschaf und Mosul mit einem Auftragsvolumen von je 150 Millionen Euro. Außerdem haben sich die Deutschen für sechs weitere Krankenhäuser beworben. Wie die bereits im Bau befindlichen Häuser werden sie Platz für 450 bis 500 Betten sowie zehn OP-Säle haben (siehe Interview mit dem Tübinger Professor Horst Dieter Becker).

Auch in der Region Kurdistan wird mit Hilfe der WHO bald mit dem Bau von zwei sozialen Gesundheitszentren begonnen. Im Januar dieses Jahres kündigte die Organisation an, für den Bau der Zentren in den Distrikten Bali und Shorsh 750 000 US-Dollar bereitzustellen. Gemeinsam sollen sie rund 4.000 Menschen versorgen. Die Stadt Kerbala, 110 Kilometer südwestlich von Bagdad, investierte im vergangenen Jahr ebenfalls in die medizinische Infrastruktur. Insgesamt wurden dort 29 Gesundheitseinrichtungen mit 13,3 Millionen US-Dollar unterstützt.

Ein weiteres positives Signal für eine Stabilisierung der Lage in irakischen Krankenhäusern sendete im April dieses Jahres ein Hospital in Nassiriya. Dort gelang es einem 16-köpfigen Ärzte-Team, eine Operation an einem offenen Herzen durchzuführen.