Größere Operation
30.05.2011  | Malte Oberschelp   

Branchen / Gesundheit
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Das Leipziger Unternehmen German Medical Services baut im Irak erfolgreich Krankenhäuser, renoviert Operationssäle und bildet Personal aus. Dabei folgt es einer ganz eigenen Philosophie, die der Geschäftsführer Mahmoud Gaber auch anderen deutschen Firmen ans Herz legt


Eine großartige Aussicht hat man von hier oben: Völkerschlachtdenkmal, Bundesverwaltungsgericht, Thomaskirche, Zentralstadion. Mahmoud Gaber steht vor dem Fenster seines Bürogebäudes und zeigt dem Gast erst einmal alles, was die Stadt Leipzig an Sehenswürdigkeiten so zu bieten hat. Knappe zwei Minuten später bittet er einen ausladenden Sessel des Konferenzraums, und auch hier ist der Blick selbstredend einmalig. Das Büro der Firma German Medical Services liegt auch im 15. Stock des Gebäudes, das offiziell City-Hochhaus heißt, aber wegen seines spitz zulaufenden Daches von Leipzigern nur Weisheitszahn genannt wird.

Mahmoud Gaber ist Geschäftsführer, Gründer und Teilinhaber der Firma, die im Nahen und Mittleren Osten Krankenhäuser nach deutschen Standards baut. Zur Zeit tut sie das vor allem im Irak, Ägypten, dem Jemen und Katar, davor war sie auch in Saudi-Arabien und im Sudan. Der Irak ist heute der größte Markt für German Medical Services. Dort baut das Unternehmen zwei Krankenhäuser, hat sich für zwei weitere beworben und verhandelt über einen Auftrag, den Großteil der irakischen Kliniken zu modernisieren. Außerdem wird es das irakische Personal an den medizinischen Geräten ausbilden. Neben Büros in Dubai, Kairo und Sanaa hat German Medical Services deshalb auch ein Büro in Bagdad eröffnet. In einigen Wochen wird ein zweites in Basra dazukommen.

Das Krankenhaus in Nadschaf, eine Klinik mit 400 Betten, ist inzwischen in der zweiten Bauphase. Der Rohbau ist fertig, der Innenausbau hat begonnen, Ende April 2012 soll das Haus fertig sein. Das zweite, etwa ebenso große Projekt in Mosul liegt mit den Bauarbeiten etwa einen Monat zurück. Beide Kliniken werden mit Notaufnahme, Operationssälen und modernster Technik ausgestattet. Der weitaus größte Teil der medizinischen Geräte wird von deutschen Firmen geliefert werden.

„Türkische Unternehmen bieten ihre Dienste durchweg günstiger an. Da können wir nicht mithalten.“

Das irakische Gesundheitsministerium will im gesamten Land insgesamt elf neue Krankenhäuser bauen lassen, German Medical Services hat sich für weitere Aufträge beworben. „Wir hoffen, dass wir das Kinderkrankenhaus in Kerbala sowie eine weitere Klinik in der Provinz Al-Muthanna bekommen,“ sagt Gaber. Aber die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht. Sie kommt in diesem Fall vor allem aus der Türkei. Die Universal Arcasan Healthcare and Constructing Company errichtet derzeit fünf Krankenhäuser im Irak. Die Kliniken in Basra, Kerbala, Nasiriya, Amara und in der Provinz Babil haben je 400 Betten und umfassen ein Auftragsvolumen von insgesamt 440 Millionen Euro.

Das türkische Joint-Venture aus der Bausparte des Mischkonzerns Arcasan und der Universal Hospital Group, dem größten privaten Anbieter medizinischer Dienste in der Türkei, bietet durchweg günstiger an als die deutsche Firma. „Da können wir nicht mithalten“, meint Gaber, „wir bauen eben nach deutschen Standards.“ Er hofft darauf, dass die Fachleute des Ministeriums den Qualitätsunterschied sehen, sobald das erste Krankenhaus fertig ist. „Wenn sie das Endprodukt sehen, werden sie sicher mit uns weiterarbeiten wollen“, sagt Gaber.

Darüberhinaus verhandelt sein Unternehmen mit dem irakischen Gesundheitsministerium über einen Auftrag, die Operationssäle und Intensivstationen in allen 230 Krankenhäusern des Landes neu zu bauen oder zu modernisieren. „Wir befinden uns in der letzten Phase der Verhandlungen und denken, dass wir zwischen 60 und 70 Prozent des Auftrags erhalten“, sagt Gaber. Das wären zwischen 120 und 150 Operationssäle, von denen etwa die Hälfte neu gebaut und ausgestattet werden muss. German Medical Services arbeitet dafür eng mit der schwedischen Getinge Group zusammen. Getinge ist einer der führenden Anbieter von Desinfektions- und Sterilisationsgeräten sowie Systemen für Chirurgie und Intensivmedizin.

Teil der Verhandlungen ist auch, das irakische Personal an den medizinischen Geräten auszubilden. „Zwar gibt es im Vergleich mit den anderen Ländern der Region viele qualifizierte Ärzte und Pfleger, doch auch die müssen mit technischen Neuerungen erst vertraut gemacht werden“, erzählt Prof. Dr. Horst Dieter Becker von German medical Services im Interview. In den Krankenhäusern in Nadschaf und Mosul wird die Firma das Personal ohnehin schulen, und dazu deutsche Professoren und Oberärzte in den Irak schicken. Davon könnten auch die deutschen Mediziner profitieren, sagt Mahmoud. Es gebe im Irak Krankheiten und Verletzungen, die in Deutschland kaum vorkommen.

Mahmoud Gaber wurde in Ägypten geboren und kam für ein Studium nach Deutschland. An der Freien Universität Berlin hat er Betriebswirtschaftslehre und Politikwissenschaft studiert. 1996 gründete er mit einem befreundeten Arzt, der bereits Erfahrung mit Krankenhausbauten in der Region hatte, eine gemeinsame Firma namens MTV. „Aber wegen der ständigen Verwechslungen mit dem Musiksender brauchten wir einen neuen Namen, der stärker unsere Philiosophie reflektiert“, erzählt Gaber. So kam er auf German Medical Service.

Heute beschäftigt Mahmoud Gaber, der längst die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, im Irak, in Dubai, in Kairo und in Deutschland über 50 festangestellte Mitarbeiter. Er selbst ist pro Monat durchschnittlich zehn Tage im Irak. Mit den beiden Krankenhäusern in Nadschaf und Mosul macht German Medical Services je 150 Millionen Dollar Umsatz. Dazu ist das Unternehmen ein wichtiger Faktor für die deutsche Medizinindustrie geworden. „Wir fungieren als Bindeglied zwischen dem irakischen Gesundheitsministerium und den deutschen Firmen“, sagt Gaber. Das betrifft zum Beispiel Braun, Fresenius, Dräger, Aeskulap und vor allem die Gesundheitssparte von Siemens. Der Konzern aus München liefert für einen dreistelligen Millionenbetrag Medizintechnik an die irakischen Krankenhäuser.

Den Auftrag über den Bau und die Modernisierung der Operationssäle schätzt Gaber auf 120 bis 130 Millionen Dollar. In Ägypten und im Jemen hat er in den vergangenen vier Jahren 80 Millionen Euro umgesetzt. „Das ist vom Umsatz eigentlich sehr ordentlich“, sagt er. Aber: „Unser Gewinn ist relativ minimal.“ Häufig treiben Verzögerungen bei den Arbeiten die Kosten nach oben, wie beim Luftwaffen-Krankenhaus in Kairo und den Projekten im Jemen. „Wegen der politischen Lage dort haben wir Probleme, unsere deutschen Mitarbeiter zu halten“, sagt Gaber. Im Irak hat die Sicherheitslage die Bauarbeiten verzögert, hinzu kamen Probleme mit der Verzollung der Baumaterialien. Manchmal mussten Mitarbeiter auch mehrere Monate auf ihre Visa warten. „Es war nicht einfach, aber mit Hilfe des Gesundheitsministers und des Militärs haben wir alles regeln können“, sagt Gaber.

Mangelnde Flexibilität und die Gefahr niedriger Margen gehören für ihn zu den Gründen, warum sich bisher wenige deutsche Firmen im Irak engagieren. „Solange wir keine Verluste machen, ist die Situation für uns okay“, sagt Gaber. „Eine andere Unternehmensphilosophie würde das nicht so sehen.“ Dabei sei man im Irak bereit, für deutsche Technik mehr zu zahlen. „Das Vertrauen in die deutsche Arbeit ist immer da.“ Und das jährliche Budget des Gesundheitsministeriums und der Provinzen beträgt etwa sechs Milliarden Euro.

Immerhin wird jetzt schon eine zweite deutsche Firma im Irak ein Krankenhaus bauen, und zwar eines für Kinder mit 24 Behandlungsräumen. Allerdings hat das Projekt in Mosul ein vergleichsweise geringes Volumen von 1,7 Millionen Dollar.

 

Foto: JAY DIRECTO (AFP/Getty Images)