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Im Irak schießen Pharmashops und Apotheken aus dem Boden. Zum einen stützt sich der Staat immer mehr auf private medizinische Unternehmen, zum anderen sind die Iraker auch gesundheitsbewusster geworden. Warum, das erklärt der Apotheker Dr. Abd al-Amir al-Muazzin aus Kerbala
WPI: Herr Dr. Abd al-Amir al-Muazzin, Sie können uns sicher sagen, wie viele Pharmashops und Apotheken es in Kerbala gibt?
Abd al-Amir al-Muazzin: Nach aktuellen Zählungen neun Pharmashops, 260 private Apotheken und 300 Apotheker. Und die Zahlen nehmen jedes Jahr zu.
Wie kommt es, dass es immer mehr werden?
Der Staat stützt sich seit 2003 verstärkt auf uns, wenn es darum geht, öffentliche Krankenhäuser und medizinische Zentren mit Pharmaprodukten zu beliefern. Das einer ist der Gründe. Ein weiterer ist, das chronische Erkrankungen zunehmen: Herz-Kreislauf-Probleme, Diabetes, Bluthochdruck, Krebs, Leukämie und ähnliches. Das ist eine Folge der Kriege und der schlechten Sicherheitslage, die im Irak geherrscht hat – und zum Teil immer noch herrscht.

Hat sich auch das Gesundheitsbewusstsein der Menschen verändert?
Ganz gewiss, vor allem seit 2003. Nach der Einführung von Satellitenschüsseln und all den Fernsehkanälen haben sich die Menschen informieren können, ganz zu schweigen vom Surfen im Internet. All das gab es ja vor 2003 nicht. Satellitenschüsseln waren damals verboten, und der Internetzugang war nur sehr beschränkt möglich.
Haben die Iraker, die aus dem Ausland zurückgekehrt sind, auch dazu beigetragen?
Ich denke schon. Auch der Umgang vieler Iraker mit internationalen Institutionen oder der Kontakt zu ausländischen Militäreinheiten – all diese Elemente haben sicher zusammengespielt. Stark gefragt sind mittlerweile Mittel zur Gewichtsreduktion und Nahrungsergänzungsmittel. Potenzmittel und Schönheitsprodukte übrigens auch, besonders solche zur Verbesserung des Hautbilds und gegen Haarausfall.
Wie stark kann die Nachfrage mit Produkten aus einheimischer Herstellung abgedeckt werden?
Ungefähr 25 Prozente der Medikamente kommen aus dem Irak, hergestellt von staatlichen Firmen, zum Beispiel von Samarra, Ninive, Akai und etwa 15 weiteren lokalen Pharmaherstellern. Ansonsten importieren wir aus Indien, China, Jordanien, Syrien, Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien. Dazu kommen noch die westlichen Herstellungsländer wie die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, die Schweiz und einige mehr.
Gehört Deutschland auch zu den Importeuren?
Im Zuge des neu erwachten Gesundheitsbewusstseins wollen die Iraker vermehrt medizinische Produkte westlicher Marken kaufen, und dazu zählen auch die deutschen. Auf dem irakischen Markt findet man Produkte von Schering, Aventis, Bayer, Boehringer und T&D.
Obwohl sie teurer sind als andere?
Deswegen werden Produkte aus den Golfstaaten auch noch häufiger verlangt. Die Produkte des saudischen Pharmakonzerns Jamjoom oder der emiratischen Marke Julphar bekommt man eben für weniger Geld. Wir würden uns wünschen, dass hier mehr deutsche Medikamente vertrieben werden, so dass die Preise mit denen der anderen Marken konkurrieren können. Die Iraker haben großes Vertrauen in deutsche Produkte. Pharmakonzerne, die ihren Vertrieb auf dem irakischen Markt vergrößern würden, hätten also sicher Erfolg.
Gibt es bestimmte Medikamente, die ausschließlich vom Staat importiert werden dürfen?
Ja, Medikamente für die Krebstherapie, Insulin oder Dialyselösungen können nur über den regierungseigenen Medikamentenhersteller eingeführt werden. Diese Medikamente sind zweitweise sehr knapp, weil die Lieferungen sich umso mehr verspäten, je größer die Nachfrage ist.
Mit welchen Problemen hat der pharmazeutische Sektor in Kerbala noch zu kämpfen?
Wir haben ein grundsätzliches Problem, auf nationaler Ebene, das alle betrifft. Das staatliche medizinische Kontrolllabor braucht für seine Arbeit zu lange. Es ist das einzige im ganzen Irak, und die Importeure sind verpflichtet, die eingeführten Medikamente überprüfen zu lassen. Das kann manchmal zwei Monate dauern. Hinzu kommt, dass von jeder Firma, die beabsichtigt, neue Medikamente irgendeiner Marke zu importieren, verlangt wird, diese beim irakischen Gesundheitsministerium eintragen zu lassen. Und das ist ein ziemlich kompliziertes und teures Verfahren.
Wie lange kann es dauern, bis das Ministerium zustimmt?
Bis zu einem Jahr. Das macht es grundsätzlich schwierig, neue Medikamente auf den irakischen Markt zu bringen. Ganz egal, wie gut oder preiswert diese sind. Und dann gibt es auch ein Problem, das speziell Kerbala betrifft. Die Transporter der Medikamente schaffen es oft nur schwer, überhaupt in die Stadt zu kommen. Aufgrund der Sicherheitslage gibt es viele Straßenkontrollpunkte, und da kommt es oft zu Komplikationen.
Foto: Ala Waheed (Wirtschaftsplattform Irak)











