Auf die Gesundheit
14.08.2012  | Sebastian Christ   

Branchen / Gesundheit
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Der Gesundheitsbereich im Irak hat nach Jahren der Diktatur und des Bürgerkriegs enormen Nachholbedarf. Eine hessische Firma, die sich auf Krankenhauskonzepte spezialisiert hat, wagt den Einstieg in den Markt. Eine Regel steht dabei über allem: Nur langfristiges Engagement führt zum Erfolg


Ein bisschen erstaunt war Thomas Meyer schon. Da werden Häuser im heißen Irak ohne Klimaanlage vermietet. Und auch um das Notstromaggregat musste er sich selbst kümmern – obwohl die öffentliche Energieversorgung kaum gewährleistet ist. Das waren die kleinen Dinge, die den Manager aus Oberursel bei Frankfurt überrascht haben. Es blieben zum Glück die einzigen Anlaufschwierigkeiten. Er ist zufrieden mit seinen ersten Eindrücken, die er im Irak gesammelt hat. „Wirklich negative Erfahrungen haben wir bisher nicht gemacht“, sagt er.

Meyer arbeitet für Hospitalia International aus Oberursel, ein Tochterunternehmen des Dax-Konzerns Fresenius. Vor Kurzem hat Hospitalia in Erbil ein Büro eröffnet, von dem aus die weiteren Aktivitäten im Irak koordiniert werden sollen. Das Unternehmen bietet Komplettlösungen für Krankenhäuser an – von der Planung über die Beratung bis hin zur Ausstattung und der Lieferung von Ersatzteilen. „Wir sind ein One-Stop-Shop. Als einziger Vertragspartner stehen wir dafür gerade, dass alles funktioniert.“, sagt Meyer. „Da kommt uns der deutsche Ruf entgegen: Zuverlässigkeit, Budgettreue, Pünktlichkeit, dafür schätzt man die Deutschen hier. Wir stoßen in ein Vakuum hinein in Sachen Verlässlichkeit.“

Der Irak ist für Hospitalia kein neuer Markt. Bereits 1983 war das Unternehmen zum ersten Mal in Bagdad tätig, es ging damals um die Ausstattung eines Krankenhauses. „Später mussten wir uns zurückziehen. Jetzt hat sich die Situation so gebessert, dass wir uns wieder engagieren können“, sagt Meyer. Das Unternehmen existiert bereits seit über 50 Jahren, hat seitdem 700 Krankenhausprojekte realisiert.

Meyer skizziert die bisherige wirtschaftliche Entwicklung in Kurdistan: Bisher habe sich der Markt vornehmlich am Preis orientiert. Deshalb seien auch viele Projekte nicht realisiert worden: „Schauen sie sich in Erbil um. Da gibt es viele Bauruinen, die genau von dieser Strategie zeugen.“ Derzeit gebe es ein Umdenken. Es entwickle sich ein Bewusstsein für Qualität. Deshalb sei genau jetzt der Zeitpunkt für Unternehmen aus Westeuropa günstig.

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Der Gesundheitssektor hat sehr viel Potenzial für Investoren. Es gibt zum Teil gravierende Probleme: Die Technik in den Krankenhäusern ist mitunter hoffnungslos veraltet, und auch bei der Ausbildung des medizinischen Personals gibt es Defizite. Ein wichtiger Grund dafür ist das zwölf Jahre andauernde Importembargo gegen den Irak in den Jahren 1991 bis 2003.

Irakische Ärzte waren in dieser Zeit international isoliert. „Die Ärzte verwenden oft Techniken aus den 60er und 70er Jahren, die auch an den Unis immer noch gelehrt werden“, sagte ein irakischer Arzt auf der Messe Medicare im Frühjahr (WPI berichtete). „Doch gerade seit den 80er Jahren hat es in der Medizin erhebliche Entwicklungen gegeben, von denen das irakische Gesundheitssystem nicht profitieren konnte.“

Hospitalia bietet auch Beratung und Schulungen für das Personal an. Meyer sieht das Problem aber weniger bei den Ärzten. Vor allem das Pflegepersonal und das Krankenhausmanagement hätten fachlich gesehen noch Nachholbedarf.

Neben Hospitalia engagieren sich noch weitere deutsche Unternehmen im irakischen Gesundheitssektor: Der Pharma- und Medizintechnikkonzern Braun aus Melsungen in Nordhessen etwa hat schon sehr früh nach dem Einmarsch der Amerikaner Geschäftsbeziehungen in den Irak aufgenommen. Andere Unternehmen haben sich auf die Ausstattung von medizinischen Einrichtungen spezialisiert. Die Frankfurt Medical Group schließlich bewegt sich in ähnlichen Geschäftsbereichen wie Hospitalia. Eine Interviewanfrage von WPI an das Unternehmen blieb jedoch unbeantwortet.

Hospitalia möchte sich langfristig im Irak engagieren. Der Irak sei kein Markt für kurzfristige Geschäfte, sagt Meyer. „Hier hat man keinen Erfolg, in dem man einmal hinreist, eine schöne Präsentation macht und dann hofft, es klappt alles.“ Vergabeentscheidungen fielen oft auf Basis von persönlichen Kontakten. Und die möchte Meyer nun sukzessive aufbauen.

Deshalb sei die Entscheidung gefallen, erst ein Büro einzurichten und dann am Markt aktiv zu werden. Einen Vertragsabschluss habe Hospitalia noch nicht erzielt. Derzeit gehe es darum, Strukturen aufzubauen, Kontakte zu machen, Angebote zu errechnen. Es ist ein mühsamer Weg, die Entscheidung für ein Geschäft mit Substanz. In einem Land wie Irak, in dem die politischen Rahmenbedingungen immer noch nicht so stabil wie in Europa sind, ist das ein Risiko.

Meyer betrachtet die Lage im Irak differenziert. „In Kurdistan sehen wir kein besonderes Problem“, sagt er. „Anders ist es im übrigen Teil des Irak. Generell kann man da keine genauen Prognosen treffen. Ein Engagement für viele Jahre vor Ort können wir im Süden derzeit nicht gewährleisten. Und deshalb liegt unser Fokus klar auf dem Norden.“

Es sei die richtige Zeit um in Kurdistan aktiv zu werden, sagt Thomas Meyer. Ein Markt mit Zukunftspotenzial. Mit fünf Millionen Einwohner. Und guten Rahmenbedingungen. Er sagt: „Wer jetzt nicht richtig investiert, wird in zwei Jahren zu spät sein.“

 

Foto: Wathiq Khuzaie/Getty Images