Geschäftsfrauen: Der Duft der großen weiten Welt
14.06.2010  | Haider Al-Mansoury & Alaa Wahedd   

Ideen & Geschäfte / Einzelhandel
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Shadi Khoshnaw ist erst 29 Jahre alt und schon erfolgreicher als viele Männer in Kurdistan. Um zu erzählen, wie sie das geschafft hat, folgte sie einer Einladung zum Workshop der Wirtschaftsplattform Irak ins kurdische Erbil. Unsere Korrespondenten Haider Al-Mansoury und Alaa Waheed haben ihre Geschichte aufgeschrieben


Eine luftige kurzärmelige Bluse, das offene Haar zu einem klassischen Pagenkopf geschnitten, an ihrem linken Handgelenk, beinahe zu übersehen, eine schlicht gearbeitete Uhr, Schweizer Fabrikat: Shadi Khoshnaw, Kurdin, 29 Jahre alt, Geschäftsfrau, besser: sehr erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie ist zu Besuch bei 12 irakischen Wirtschaftsjournalisten und Journalistinnen im kurdischen Erbil, die zu einem Workshop der Wirtschaftsplattform Irak gekommen waren und die Shadi Khoshnaw nun fragen wollen, wie es gehen kann: so erfolgreich zu sein, als Frau, als Kurdin, und was andere von ihr lernen können?

Shadi Khoshnaw blickt freundlich in die Runde, nur zu, und da kommt auch schon die erste, die „allerwichtigste“ Frage, wie die Journalistin Mayadah Dawood Hasan aus Bagdad betont: Mit wie viel Kapital sie denn angefangen habe? Eine erfolgreiche Baufirma, Vertriebslizenzen für eine Schweizer Uhrenmarke, für Swarovski, jetzt wohl bald auch für Douglas... Viel muss es gewesen sei, sehr viel sogar. Shadi Khoshnaw schüttelt den Kopf. Kein Kapital. Nur die Familie, die sie unterstützte. Und ihr eigener Wille, etwas zu schaffen in diesem Leben. Der Glaube, dass nichts unmöglich ist. „Das war mein Kapital.“

Eine provozierende Aussage in einem Land, in dem viele Frauen etwas wollen und nicht bekommen, oder etwa nicht? Ja, antwortet sie, viele Frauen mussten neben ihrer Arbeit oft noch den Mann ersetzen, weil der im Gefängnis saß, im Krieg verschwunden oder einfach nicht mehr nach Hause kam, an Geschäfte war und ist da nicht zu denken, bis heute ist das häufig so, und deswegen hilft sie jetzt anderen Frauen, damit das endlich anders wird. „Damit sie sich trauen, was für Männer selbstverständlich ist.“

Strategie ist alles

Ihr Kapital war, natürlich, auch die Bildung. Aufgewachsen in Suleimaniya, in Kurdistan, machte sie an der dortigen Universität den Bachelor in Englisch, auch, um einen Teil europäischer Denkart und Lebensweise kennen zu lernen – schon damals dachte sie strategisch. Aber sich auch, weil ein geisteswissenschaftliches Studium ihr mehr entsprach als ein wirtschaftliches – obwohl sie die Welt der Zahlen und Statistiken dringend gebraucht hätte für ihre Zukunftspläne. Aber auch ohne fundierte Kenntnis, mit einer gehörigen Portion Selbstvertrauen beschloss sie, sich selbstständig zu machen. Nur mit wirtschaftlicher Macht, das war ihr klar, würde sie es schaffen, ihr Leben selbst gestalten und bestimmen zu können. Für die irakischen Frauen, sagt sie, heißt unabhängig zu werden, eigene Entscheidungen zu treffen. „Und das können sie in diesem Land nur, wenn sie über eigenes Geld verfügen.“

Shadi Khoshnaw gründete eine eigene Firma in der Baubranche und suchte ihre ersten Partner in der Türkei. Auch das war kein Zufall. Die Türken seien äußerst seriöse Geschäftsleute, sagt sie, und damals die ersten gewesen, die nach 2003 in den Irak kamen und auf dem Mark investierten, ideale Partner also. Sie ging auch selber ins Land, in die Türkei, um die Beziehungen zu festigen und sich im Ingenieurwesen und Projektsteuerung fortzubilden. Und sie wurde Partnerin einer besonders großen und renommierten türkischen Firma.

Alles schien viel versprechend. Aber sie bekam ihren ersten großen Dämpfer. Zwar liefen die Geschäfte nicht schlecht, aber von den Ausschreibungen großer und lukrativer Bauprojekte erfuhr sie immer erst sehr spät, zu spät, und es gab harte, ja unerwartet harte Konflikte. Die Aufträge wurden von Männern vergeben, da hatte sie als Frau einfach nur schlechte Karten. Und ihr war schnell klar: Sie musste sofort umdenken.

Ihr Weg zu Swarovski

Sie dachte um – und übergab die Abwicklung der laufenden Bauprojekte den männlichen Ingenieurskollegen ihrer Firma – und gründete einen neuen Firmenzweig – dieses Mal eine Handelsfirma „vielleicht entspricht das dem weiblichen Typus eher“, sagt sie, lacht, kein bisschen bitter, ein wenig ironisch vielleicht.

Dieser Entschluss aber war der Schritt zum Erfolg. Ihre Idee war so nahe liegend wie ambitioniert: Verkaufslizenzen großer Firmen aus der Luxus- und Kosmetikbranche zu erwerben. Wie aber ihre potenziellen Partner überzeugen, dass sie das kann? Dass sie ein angemessenes Umfeld zu bieten hat? Dass sie was von Geschäften versteht? Dass es einen Markt gibt? Sie schrieb, sie verhandelte, sie schrieb wieder, sie verhandelte ein zweites, drittes, viertes Mal, sie fuhr selber nach Europa, lud Vertreter ein nach Kurdistan, entwickelte Vetriebsideen, entwarf und realisierte Verkaufsräume – und: Sie zeigte, dass es gehen kann.

Heute vertreibt sie Schweizer Uhren, Produkte von Swarovski und jetzt wahrscheinlich von Douglas. Mittlerweile hat sie Geschäfte in der Majid Mall, der größten und modernsten in Erbil überhaupt, bald wird sie dort auch mit Swarovski vertreten sein. Und in der Rhein Mall, ebenfalls in Erbil, hat sie ein Uhrengeschäft. Und es sieht nicht so aus, als wolle Shadi Khoshnaw sich damit begnügen.

Mehr als nur ein Beautyshop

Im Gegenteil. Getrieben von der Idee, etwas eigens zu machen, sich ständig weiter zu entwickeln, berät sie jetzt auch andere Frauen. Sie gründete eine Organisation „Network of Women Entrepreneurs an Business Owners“ (NWE) für Frauen und berät heute – ehrenamtlich und in ihrer Freizeit - mit Unterstützung des Deutschen Auswärtigen Amtes und der AGEF in Erbil andere Frauen bei der Gründung einer eigenen Firma. Sie bietet Kurse an, theoretische, praktische, immer mehrere Tage am Stück.

Was genau man bei ihr lernen kann? Geschäftsideen präzisieren, Business-Pläne erstellen, Gespräche mit Banken führen - alles, was dazu gehört eben. Vor allem will sie den Frauen klar machen, dass sie nicht immer nur kleine Nähstuben oder Beautyshops gründen müssen, sondern das Recht haben „dort auf den irakischen Markt zu gehen, wo sie Aussicht auf großen wirtschaftlichen Erfolg haben“. Sechs Monate macht sie diese Arbeit jetzt, mehr als 200 Frauen hat sie bereits gecoacht, die meisten von ihnen, sagte sie, haben den Sprung schon geschafft.

Shadi Khoshnaw muss zurück in die Stadt, die Geschäfte. Nicht ohne zu ermuntern, ihre Ideen weiter zu tragen. Auch ins Ausland. „ Wir brauchen sie alle.“ Sagt’s und geht. Die 12 arabischen Journalisten und Journalistinnen haben viel mit geschrieben, einer hat zum Schluss ein paar Worte hingekritzelt: Mut, Ausdauer, Freundlichkeit – eigentlich ganz einfach. „Oder?“ fragt er in die Runde und lacht. Respekt jedenfalls.

 

Foto: Faris Najem Abd (WPI)