Ideen & Geschäfte / Einzelhandel
Der 70-Jährige Abu Haidar verkauft Rosenwasser, Räucherstäbchen und Kerzen am Friedhof in Nadschaf. Er ist der älteste Händler auf dem größten Friedhof der muslimischen Welt. Die Geschichte eines Lebens, das der Tod bestimmt
Abu Haidar wuchs in der Altstadt von Nadschaf auf, in einem Viertel direkt am Friedhof. In einem kleinen Haus, nur 20 Meter von den ersten Gräbern entfernt. Direkt gegenüber lag das große Totenwäscherhaus "Bir Aliwi". Sein Vater und die meisten seiner Brüder waren Totengräber, und so begann auch Abu Haidar, sich seinen Weg ins Leben als Totengräber zu bahnen. Und immerhin war sein Arbeitsplatz nicht irgendeiner, sondern lag auf dem weltweit zweitgrößten islamischen Friedhof der ganzen Welt. Größer war nur noch der Friedhof Ohlsdorf in Hamburg. Aber wo war schon Ohlsdorf, wo war schon Hamburg.
Die harte Arbeit als Totengräber aber strengte ihn sehr an. Schon überlegte er, wie es mit ihm weitergehen könne, da brach der Iran-Irak-Krieg aus, und Abu Haidar wurde von der Regierung, zusammen mit vielen anderen, zur Armee einberufen, um im Grenzgebiet zwischen den zwei Ländern erbitterte Kämpfe auszufechten. An seinen Urlaubstagen kehrte Abu Haidar zurück und verkaufte Rosenwasser am Friedhof. So blieb er immer bei den Toten, sei es an der Front, sei es an den Urlaubstagen.

Eigentlich war er es zufrieden. Aber dann wollte man ihn, Abu Haidar, als Freiwilligen im lokalen Polizeikorps, nach dem Fall Saddam Husseins 2003. Und der Job war auch noch gut bezahlt: Dafür, dass er das Büro von Ayatullah al-Sistani, der seinerzeit höchsten Instanz des Schiitentums, bewachte, bekam er 150 Dollar, bald wurden es sogar 500 pro Monat. Aber als er pensioniert wurde, mit 63, wie es das irakische Gesetz vorsieht, bekam er keine Rente. Ein paar Offiziere hatten ihm übel mitgespielt. So kam es, dass Abu Haidar wieder Rosenwasser am Friedhof verkaufte.
Das Leben mit dem Toten blieb in der Familie. Die vier Söhne von Abu Haidar wurden auch Totengräber und leben heute mit ihm unter einem Dach. Während sie an einem Tag etwa 17 Dollar verdienen, hat Abu Haidar höchstens vier Dollar, 15 Cent pro Rosenwasserflasche. Der Verkaufspreis liegt bei etwa 250 Cent, und an einem gewöhnlichen Tag verkauft er nicht mehr als sechs. Deswegen hat er jetzt auch noch andere Dinge im Angebot: Räucherstäbchen, Kerzen und Streichholzschachteln.
Nichts, mit Ausnahme der sommerlichen Sandstürme und dem strömenden Regen im Winter, der die engen abschüssigen Erdpfade des Friedhof rutschig macht, nichts kann Abu Haidar hindern, seinen Job zu machen. An Festtagen und religiösen Anlässen macht er richtig gute Geschäfte, denn manchmal kommen mehr als eine Million Menschen auf den Friedhof, aus allen Gegenden des Iraks. Sie setzen sich dann neben die Gräber ihrer Lieben, schluchzen, zünden Kerzen und Räucherwerk für sie an, und versprühen Abu Haidars Rosenwasser über ihren Gräbern.
Die Geschichte von Abu Haidar wird Teil des Magazins Irak & Ich, das die Wirtschaftsplattform Irak am Ende des Jahres veröffentlichen wird.
Fotos: Faris Harram (2) (WPI)











