Kein Guthaben mehr
12.07.2011  | Hayder Najm   

Ideen & Geschäfte / Technologie
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Verärgerte Kunden kritisieren das größte Mobilfunkunternehmen des Iraks. Zain habe nur eine gute Verbindung: die zur Politik. Doch jetzt schließen sich auch staatliche Beamte der Anti-Zain-Lobby an


Jede Nummer zweimal wählen müssen. Täglich Werbung und Spam in den Textnachrichten. Unterbrochene Gespräche. Diebstahl von Telefon-Guthaben, Betrüger am Apparat. Und das iPhone funktioniert auch nicht – im Irak gibt es die hochtechnologischen Angebote nicht, die Telekommunikationsunternehmen in anderen Ländern bereitstellen.

Das sind nur einige der Beschwerden, denen sich Iraks größtes Mobilfunkunternehmen Zain ausgesetzt sieht. Die staatliche Kommunikations- und Medien-Kommission, die die Telekommunikation im Land überwachen soll, berichtete von 4000 eingegangenen Beschwerden über Zain und die beiden anderen bedeutenden irakischen Mobilfunkunternehmen. Eine Gruppe irakischer Kunden, der sich einige Verwaltungsbeamte und Politiker angeschlossen haben, hat via Facebook sogar eine Kampagne zum Boykott von Zain gestartet.

Jeder Sturm beginnt mit ein paar Tröpfchen Wasser: So drückte es Haider al-Husseini von der Boykottgruppe aus, als er erfuhr, dass das Komitee für Transport und Kommunikation des Provinzrates in Diwaniyah entschieden hatte, Zains lokale Agentur für einen Tag zu schließen. Diwaniyah liegt etwa 180 Kilometer südlich von Bagdad. Die Entscheidung wurde am 21. Mai verkündet – dem Tag an, dem die ersten Facebook-Gruppen zum Boykott Zains aufgerufen hatten. Man habe die protestierenden Gruppen unterstützen wollen, sagte Ali Jawad, der Vorsitzende des Komitees. Im Rat seien viele weitere Fälle von unzureichendem Service der Firma bekannt.

Weitere Unterstützung kam aus dem Rat der Nachbarprovinz Dhi Qar. Dort hatten Beamte bereits an den lokalen Vertreter Zains geschrieben und sich über den schlechten Service und die Menge an Spam beschwert, das die Kunden auf ihre Mobiltelefone bekamen.

Die offizielle Reaktion auf Zain, ein Telekommunikationsunternehmen aus Kuwait, ist nichts Neues. Bereits Anfang des Jahres erlegte die irakische Regierung der Firma eine Geldstrafe von 262 Millionen Dollar auf, umgerechnet etwa 187 Millionen Euro. Dabei ging es um fünf Millionen SIM-Karten, die Zain ohne Erlaubnis auf den Markt gebracht hatte. Die Aktion stellte einen Verstoß gegen die irakische Lizenz dar, die das Unternehmen 2007 für 15 Jahre und umgerechnet etwa 1,75 Milliarden Euro erworben hatte.

Haider al-Husseini hat festgestellt, dass viele hochrangige Beamte der Facebook-Kampagne beigetreten sind – darunter sogar der irakische Bildungsminister. Er beschreibt das als wichtige „elektronische Solidarität“. Gegenwärtig gibt es drei Facebook-Gruppen, die zu Aktionen gegen Zain aufrufen. Zusammen haben die drei Gruppen etwa 1000 Mitglieder, von denen die meisten Zain-Abonnenten sind.

„Die Einrichtung dieser beiden nächsten Technologie-Generationen ist in den Lizenzbestimmungen nicht enthalten. Deshalb werden 3G und 4G wahrscheinlich veraltet sein, bevor sie im Irak benutzt werden können“

Ungefähr 70 Prozent der Iraker besitzen ein Handy. Im Moment gibt es drei bedeutende Mobilfunk-Provider. Zain ist mit etwa 12 Millionen Kunden Marktführer. Die beiden anderen Unternehmen, AsiaCell und Korek, folgen auf dem zweiten und dritten Platz. Die Mehrheit der Aktionäre bei AsiaCell und Korek sind kurdische Geschäftsleute, beide Unternehmen sind nur in der halbautonomen irakischen Region Kurdistan aktiv.

Als alle drei Firmen den Betrieb im Irak aufnahmen, bekamen sie die Erlaubnis unter der Bedingung, ihre Dienste auf nationaler Basis bereitzustellen. Besonders Korek jedoch ist noch nicht in der Mitte und im Süden des Landes verfügbar, während Zains Netzwerk sich nicht allzu weit ins irakische Kurdistan erstreckt. Laut einem der Anti-Zain-Altivisten kann ein Kunde von Zain beispielsweise nicht mit einem Korek-Kunden in Kurdistan telefonieren. Tatsächlich ist er nicht einmal in der Lage, einen anderen Zain-Teilnehmer zu erreichen, wenn der sich in einer kurdischen Stadt aufhält.

Ein leitender Angestellter von Zain sagte, das Unternehmen decke etwa 92 Prozent des Irak ab und betonte, man habe umgerechnet 3,5 Milliarden Euro investiert, um das Angebot zu verbessern. Der leitende Angestellte wies außerdem darauf hin, dass sich Zain als einziger der drei Anbieter an die Umweltschutzgesetze halte. Noch dazu sei sein Unternehmen als erstes dazu übergegangen, Telefongespräche nach Sekunden und nicht nach Minuten abzurechnen. Was die plötzlich unterbrochenen Gespräche angeht, argumentierte er ganz einfach: „Zain ist offensichtlich daran interessiert, funktionierende Dienste anzubieten, weil das Unternehmen auf diese Weise profitabler ist. Und es gibt kein Unternehmen, das nicht gerne mehr Profit hätte.“

Irakische Kunden sind außerdem davon betroffen, die Technik der dritten und vierten Generation – 3G und 4G – nicht nutzen zu können, obwohl manche ihrer Telefone dazu fähig sind. Der Angestellte von Zain sagte, das sei nicht die Schuld des Unternehmens. Gegenwärtig ist im größten Teil des Irak nur 2G-Technologie verfügbar, weshalb die Nutzer von Mobiltelefonen telefonieren, SMS schicken und einfache Webseiten aufsuchen können. Es fehlt an Kabeln und Infrastruktur für 3G- und 4G-Dienste. Das bedeutet ebenfalls, dass Modelle wie das iPhone von Apple im Irak nur eingeschränkt funktionstüchtig sind.

Darüber hinaus erklärte der Angestellte von Zain: „Die Einrichtung dieser beiden nächsten Technologie-Generationen ist in den Lizenzbestimmungen nicht enthalten. Deshalb werden 3G und 4G wahrscheinlich veraltet sein, bevor sie im Irak benutzt werden können.“

Eines der anderen großen Probleme, über das sich die Facebook-Gruppe beschwert hat, ist der Diebstahl von Guthaben zum Telefonieren. In einigen Ländern ist es möglich, diese für eine Nummer gekauften Guthaben auf eine andere Nummer zu übertragen. Diesen Prozess vereinfachen die Mobilfunkunternehmen oft noch, indem für die Übertragung der Guthaben nur eine SMS nötig ist. Allerdings ist es auch „Piraten“ möglich, mit einer SMS heimtückische Software zu versenden. Dadurch wird das Guthaben transferiert, ohne dass der Eigentümer des Mobiltelefons es erlaubt oder auch nur davon weiß.

Der Zain-Angestellte bestritt energisch, dass das Unternehmen dafür verantwortlich ist. „Die Diebe der Guthaben gehören zu internationalen Banditenbanden, die von der Neugier einiger Kunden profitieren“, erklärte er. Seine Aussage bezieht sich auf die Tatsache, dass die Software häufig von einer unbekannten internationalen Adresse verschickt wird. Wenn der Telefonbesitzer auf die SMS antwortet, wird die betrügerische Software heruntergeladen. Zusammenfassend wiederholte der Zain-Angestellte, was der irakische Vorstandsvorsitzende des Unternehmens bereits behauptet hatte. „Die jüngste Kritik sowie die Schmutzkampagne beweisen nur den Erfolg des Unternehmens, den gesamten Irak abzudecken“, sagte er.

Trotzdem waren die Facebook-Lobbygruppen von Zains guten Absichten nicht überzeugt. Sie sagten, dass Zain – entgegen der Lizenzbestimmungen – mit seinem schlechten Service davonkommt, weil örtliche Politiker und Parteien Anteile am Unternehmen besitzen und davon profitieren. Als Beweis sehen sie Zains „verstärkte Werbekampagne in örtlichen Fernsehsendern und Zeitungen, die jene politischen Parteien besitzen“. Die Aktivisten erklärten: „Diese Institutionen wagen es nicht, die Wahrheit zu sagen oder sich über die Verschlechterung des Unternehmensangebots zu beschweren, weil sie sich vor dem Verlust der Werbeprofite fürchten.“ Die gleichen politisch voreingenommenen Medien veröffentlichten verständnisvolle Berichte über die schwierige Arbeit Zains im Irak. Dazu kamen weitere Wohlfühlartikel über Zains wohltätige Aktivitäten, Sponsoring und Spenden, sagten die Aktivisten.

Die Facebook-Kämpfer vermuten außerdem, dass ihre Seiten von Personen infiltriert worden sind, die bezahlt wurden, um für das Unternehmen zu werben – auch wenn Zain das kategorisch abstreitet. Auch wenn die Zahl der Facebook-Anhänger verglichen mit der der Zain-Kunden gering ist – im Irak haben nur etwa drei Prozent der Bevölkerung Zugang zum Internet – glaubt Haider al-Husseini, dass die Botschaft der Anti-Zain-Aktivisten gehört wurde. Auch die Medien haben über ihre Bemühungen berichtet.

Die Aktivisten wollen ihre Kampagne beenden, sobald das Unternehmen auf ihre Forderungen eingeht. Diese Forderungen beinhalten unter anderem das Ende des organisierten Diebstahls von Telefon-Guthaben, verbesserte Dienstleistungen, Zugang zu 3G- oder 4G-Technologie und nicht zuletzt der Verzicht auf Spam. Die unerwünschten Werbebotschaften sind für viele Kunden ein Ärgernis.

Doch bis jetzt hat die wachsende Zahl unzufriedener und ärgerlicher Mobilfunknutzer im Irak keine große Wahl. Obwohl, wie die Nachrichtenagentur Reuters kürzlich berichtete, ein US-Projekt im Umfang von etwa 2,1 Milliarden Euro auf den Weg gebracht wurde, um die Festnetz- und Internet-Verbreitung im Irak zu verbessern, sind gegenwärtig nur etwa 800 000 von geschätzten 1,2 Millionen Telefonleitungen einsatzfähig.

Außerhalb Bagdads existieren fast überhaupt keine Leitungen, und viele von ihnen wurden während der US-Invasion von 2003 zerstört. Was bedeutet, dass sich viele Iraker in der näheren Zukunft weiter mit unterbrochenen Gesprächen und Spam abgeben sowie jede Nummer zwei Mal wählen müssen.

 

Foto: Wathiq Khuzaie (Getty Images)