Die Bayern kommen
17.05.2011  | Maral Jekta   

Deutsche für Irak / Mittelstand
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Eine Wirtschafts-Delegation aus Bayern hat sich ein paar Tage lang in Erbil umgeschaut und war hoch beeindruckt: Von der Sicherheitslage, dem Messebetrieb und nicht zuletzt vom frisch gezapften deutschen Bier


„Der Irak und die Föderale Region Kurdistan-Irak brauchen deutsche Firmen und Investoren“ – das wurde den 12 Teilnehmern der branchenübergreifenden Wirtschaftsdelegation aus Bayern immer wieder bestätigt. Gekommen waren Vertreter unter anderem aus den Branchen Telekommunikation, High-Tech, Logistik sowie Architektur und Stadtplanung. Organisiert hatte dieses Treffen die Deutsch-Arabische Freundschaftsgesellschaft (DAFG) und die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) in enger Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wirtschaftsbüro Irak (DWI). Die meisten Teilnehmer waren zum ersten Mal nach Kurdistan gereist. Sie wollten sich ein eigenes Bild vom Land machen, Kontakte knüpfen oder Kooperationen vorbereiten. Das dicht gedrängte Programm sollte ihnen dabei helfen.

Unter ihren Gesprächspartnern waren hochrangige Politiker, unter anderem der Minister für Handel und Industrie, Sinan Abdulkhalq Ahmed Challabi, der Minister für Planung, Ali Osman Haji Sindi, der Präsident der Industrie- und Handelskammer, Soran A. Aziz, der Gouverneur von Erbil, Nawzad Hadi und der Minister für Auswärtige Angelegenheiten, Falah Mustafa Bakir. Alle Politiker bestätigten im Gespräch, dass nahezu jede Branche einen enormen Bedarf an deutschen Investoren, Dienstleistern und Unternehmen habe. Der Transfer von Know-how sei aber die Voraussetzung für nachhaltige wirtschaftliche Beziehungen.

Darüber hinaus betonten sie, dass Kurdistan auch als Stützpunkt für Geschäfte mit dem Süden des Iraks, Iran, Syrien und der Türkei genutzt werden könne. Die Sicherheitslage im Norden sei auch so gut wie nirgends im Nahen Osten; deshalb verlegten auch immer mehr irakische Unternehmen ihren Standort in die Region. Auch sei sie von der Finanzkrise kaum betroffen und habe das Potenzial für ein starkes Wirtschaftswachstum.

Auf einer Abendveranstaltung im European Technology and Training Center (ETTC), die vom Deutschen Wirtschaftsbüro Irak organisiert worden war, konnten die Teilnehmer ihre Eindrücke bei deutschem Bier und Essen bestens verarbeiten. Und mit den Bundestagsabgeordneten Wolfgang Tiefensee und Uta Zapf, die beide mit einer Delegation der SPD angereist waren, über deutsch-irakische Wirtschaftsbeziehungen diskutieren.

 

Stimmen der Delegationsteilnehmer:

 

 

Tarik Essaida

Senior Sales Manager Middle-East und Nordafrika (MENA) bei der Firma Mühlbauer
Branche: Smart-Card und eReisepässe


„Als Unternehmen mit dreißigjähriger Erfahrung können wir im Irak und der Föderalen Region Kurdistan sicher einen Beitrag dazu leisten, große Projekte umzusetzen. Die Delegationsreise hat dabei geholfen, die entsprechenden Kontakte herzustellen und eine mögliche Zusammenarbeit zu diskutieren. Was Kurdistan anbelangt, habe ich mich einfach überraschen lassen, und ich bin sehr beeindruckt. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich wieder nach Erbil reisen werde, um die Gespräche zu vertiefen.“

 

 

Alexander Brexendorff

Managing Partner der Kanzlei und Unternehmensberatung Middle East Legal Advisors
Branche: Consulting in den Bereichen Energie & Bauwirtschaft sowie Anlagen- und Maschinenbau


„Ich habe an der Delegationsreise teilgenommen, weil ich schauen wollte, ob wir hier einen Markt finden. Wir beraten deutsche und internationale Unternehmen, haben auch bereits Erfahrung in arabischen Staaten. Nun wollen wir schauen, was wir im Nordirak tun können. Ich konnte in diesen Tagen bereits gute Kontakte knüpfen. Das Wichtigste ist allerdings, dass ich hier viel über Kurdistan-Irak gelernt habe und mein Bild von der Region korrigieren konnte. Ich hätte es mir hier nicht so sicher und fortschrittlich vorgestellt. Ich kann deutschen Unternehmen nur raten, sich das Land und die Möglichkeiten, die es bietet, selbst anzusehen. Ich interessiere mich auch persönlich für Kurdistan; deshalb habe ich auch meinen Aufenthalt um zwei Tage verlängert. Ich möchte Ausflüge in die Berge unternehmen und mir die Umgebung näher ansehen.“

 

 

Herbert Probst

Geschäftsführender Gesellschafter von Probst Architekten
Branche: Architektur und Städtebauliche Planung


„Wir haben den irakischen Markt bisher aus sicherheitstechnischen Bedenken nicht so sehr im Fokus gehabt. Ich bin überrascht, wie sehr sich hier alles normalisiert hat. Ich interessiere mich vor allen Dingen für die alte Zitadelle in Erbil. Eine tragfähige Finanzierung für die Restaurierung ist dringend notwendig. Die Zitadelle ist identitätsstiftend für Erbil und kann den Tourismus anregen. Während des Besuches habe ich hervorragende Kontakte aufbauen können, so etwa zum Verband der Ingenieure in Kurdistan, die unter anderem als Berater für die Regierung tätig sind.“

 

 

Randolf Rodenstock

Leiter der Delegation, Geschäftsführender Gesellschafter der Optischen Werke G. Rodenstock
Branche: Augenoptik


„Wir nehmen alle nur positive Eindrücke mit. Das liegt zum einen daran, dass wir hier sehr entgegenkommend behandelt worden sind. Zum anderen haben wir uns bei den wichtigsten Ministerien und Verwaltungsstellen vorstellen können und so eine gute Basis für Kontakte in der Zukunft gelegt. Es gibt fast keinen Bereich, in dem es keinen Nachholbedarf gibt. Zudem stehen hier Finanzmittel bereit, die über Jahre hinweg diesen Bedarf decken können. Gerade Infrastruktur- und Gesundheitsprojekte werden in Zukunft stärker ausgebaut. Da die Stärken Deutschlands genau im Investitionsgüterbereich liegen, hat die deutsche Industrie enorme Möglichkeiten. Viele Teilnehmer der Delegationsreise sind von der guten Sicherheitslage überrascht, die weder Panzerlimousinen noch Bodyguards erforderlich macht. Das ist ein gutes Zeichen.“

 

 

Dieter Much

Prokurist und Stellvertretender Geschäftsführer bei Bayern International
Branche: Bayerische Außenwirtschaftsförderung und Standortmarketing


„Wir wollten uns über die Sicherheitslage im Nordirak und die Standards des Messegeländes informieren. Unser Besuch hat gezeigt, dass alle Bedenken unbegründet sind. Ob wir tatsächlich im Herbst hier sein werden, wie wir es planen, hängt natürlich davon ab, wie viele Unternehmen aus der bayerischen Baubranche sich beteiligen werden. Der Freistaat Bayern wird hier als Vorbild für das politische System der Föderalen Region Kurdistan-Irak betrachtet. Man strebt danach, irgendwann auch die ökonomischen, kulturellen und sozialen Standards Bayerns zu erreichen. In diesem Sinne sollten gerade bayerische Unternehmen den Einstieg in den größten Wachstumsmarkt wagen und der Region eine Chance geben. Am Ende werden beide Seiten davon profitieren.“

 

 

Gerhard Beysel

Manager for Business Development and Sales of Air Separation Plants bei der Linde Group
Branche: Gase, Engineering und Logistikdienstleistungen


„Wir haben großes Interesse daran, beim Aufbau von Irak aktiv dabei zu sein. Der Nordirak ist ein wachsender Markt. Deshalb werden wir uns auf zwei Bereiche konzentrieren. Zum einen auf den Anlagenbau und zum anderen auf den Industriegase-Sektor. Die Delegationsreise hat mir einen Überblick über die Situation im Irak verschafft. Zudem habe ich Kontakt zu einem Unternehmen aus Bagdad geknüpft, mit dem Kooperationen im Bereich Industriegase geplant sind. Für die nächste Reise nach Kurdistan, die mit Sicherheit stattfinden wird, wären allerdings Treffen mit Vertretern der Industrie oder mit deutschen Unternehmern, die hier bereits aktiv tätig sind, wünschenswert. Aber eines ist sicher: Anfangen kann man hier in Kurdistan.“

 

 

Heike Helmrath

Messeverkaufsleiterin bei Kühne + Nagel
Branche: Messelogistik


„Wir haben bereits vor zwanzig Jahren die Teilnahme an Messen in Bagdad organisiert. Das würden wir jetzt auch gerne im Norden des Landes tun. Dazu war es natürlich erforderlich, die Partner vor Ort vorher kennenzulernen und sich einen Überblick über das Messegelände zu verschaffen. Jetzt, wo das getan ist, kann ich die Teilnahme an Messen in der Region empfehlen. Vor der Reise hatte ich Bedenken wegen der Sicherheitslage, aber ich habe mich getäuscht. Der Norden des Landes ist liberaler, als ich es mir vorgestellt habe. Erbil könnte für uns Ausgangspunkt für Geschäfte im gesamten Irak sein.“

 

 

Foto: Maral Jekta (Wirtschaftsplattform Irak)