Hochschule: Deutsch-irakische Grundlagenforschung
10.05.2010  | Markus Hablizel   

Deutsche für Irak / Bildung
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Seit einem Jahr gibt es ein Hochschulpartnerschaftsprogramm mit dem Irak. Jetzt wurde bei einem DAAD-Workshop in Bonn eine erste Bilanz gezogen. Und auch ein bisschen geträumt von einer deutsch-irakischen Universität


Noch existiert sie nicht, die Deutsch-Irakische Universität, und selbst von einer Vision mag Dr. Helmut Blumbach von der Programmabteilung Süd des DAAD noch nicht sprechen. „Vor der Hacke ist es duster“, bemüht er ein Bild aus der Bergmannssprache. Man wisse nicht genau, wo es hingehe und was einem auf dem Weg erwarte. Klar ist, dass es seit Februar 2009 ein Hochschulpartnerschaftsprogramm mit dem Irak gibt, das die Zusammenarbeit deutscher und irakischer Hochschulen stärken soll.

Mit jeweils bis zu 350.000 Euro pro Jahr unterstützt der DAAD solche Partnerschaften mit dem Ziel, nachhaltige Strukturen zu schaffen und einen Beitrag zum akademischen Wieder- bzw. Neuaufbau im Irak zu leisten. Das Engagement für eine „Deutsch-Irakische Universität sei ein „Fernziel, ein mehrstufiges Konzept, bei dem jede Stufe an sich sinnvoll ist“, so Blumbach weiter. In einer ersten Stufe soll nun der Austausch und die Kooperation zwischen den geförderten Projekten verstärkt und ein Netzwerk geschaffen werden. Es gilt heraus zu finden, wo die gemeinsamen Interessen und Probleme liegen, um voneinander lernen und Hilfestellung leisten zu können. So will man in den kommenden Jahren und Jahrzehnten Stufe um Stufe nehmen, um im besten Fall einmal vor den Toren einer Institution stehen zu können, die etwa der Deutsch-Französischen Hochschule nicht ganz unähnlich sein könnte. Doch bis dahin ist es ein langer Weg, dessen sind sich alle Beteiligten sicher.

Im Rahmen des DAAD-Workshops „Hochschulpartnerschaften mit dem Irak – Bestandsaufnahme und Perspektiven“ am 26. und 27. April in Bonn kamen nun die geförderten Projekte zusammen und berichteten von ihren bisherigen Erfahrungen. Schnell wurde bei der Vorstellung der fünf Projekte klar, dass es im Alltag ganz praktische Probleme wie Sprachbarrieren, technische Nicht- oder Unterausstattung, Bürokratien und extrem langsame Internetverbindungen zu überwinden gilt.

Prof. Dr. Broder Merkel von der TU Bergakademie Freiberg baut im Fachbereich Geologie zwei internationale Studiengänge auf, die bislang einzigen ihrer Art: „Arid and semiarid hydrogeology and water management“ und „Sustainable Oil Production“. Das Vorhaben stößt seitens potentieller Studenten und der Wirtschaft auf großes Interesse und auf gemeinsamen Workshops mit den irakischen Partnern wird schon am Curriculum gearbeitet. Für die zeitgemäße Ausbildung der Studenten und Doktoranden sollen Großgeräte angeschafft werden, allerdings gestaltet sich der Transport nach Irak nicht nur schwierig, sondern fast unmöglich. Das Vorhaben stößt seitens potentieller Studenten und der Wirtschaft auf großes Interesse Zudem kommen Merkel und seine Mitarbeiter etwa beim Aufbau einer bedingt durch die räumliche Distanz zwischen Freiberg und Baghdad unbedingt nötigen E-learning-Plattform schnell an ihre Grenzen. Es gibt keine Glasfaserverbindungen, Internet läuft über Satellit. Was in Kombination mit dem Fehlen eines Servers dazu führt, dass die geplante Plattform vorerst offline betrieben werden muss.

Probleme, die Dr. Nazir Peroz von der TU Berlin mit seinem Projekt „Aufbau eines nachhaltigen und sicheren IT-Versorgungssystems für irakische Universitäten“ nur allzu gut kennt, die aber nicht von heute auf morgen zu lösen sind. Nicht nur bedürfe es einer technischen Infrastruktur, die auf Nachhaltigkeit, Kompatibilität und Sicherheit angelegt ist, auch fehle es an technischem Personal.

Dessen Ausbildung an der TU Berlin hat allerdings diesen April schon begonnen. Es sei immens wichtig, die Bedürfnisse vor Ort genau zu sondieren und nicht an der Realität vorbei auszubilden, betont Peroz. Enge Kontakte zwischen deutschen Hochschulen und Partnern vor Ort sind ein zentraler Punkt, den alle Projektleiter immer wieder betonen. Nicht nur für die übergreifende Idee einer Deutsch-Irakischen Universität, sondern insbesondere für die Nachhaltigkeit und Zugkraft der einzelnen Projekte. So stehen bei allen Projekten Workshops, Seminare, Konferenzen oder Needs Assessment Studies auf dem Programm, idealerweise in Deutschland und Irak, um die Curricula der Bildungsgänge zu erarbeiten.

Anhand ausführlicher Sondierung der Erfordernisse durch Workshops, Diskussionsrunden, Interviews mit Vertretern von Verwaltung, Ministerien und NGOs wurde der Bachelor-Studiengang für Raumplanung von Prof. Dr. Christa Reicher und ihren Mitarbeitern von der TU Dortmund geplant. Die Ergebnisse der Needs Assessment Studie, das Curriculum der TU Dortmund und die Erfahrungen von und mit irakischen Partneruniversitäten flossen in das Curriculum des „Bachelor for Planning Studies“ ein, der auf Deutsch durchgeführt wird. 58 Interessenten aus Irak haben sich beworben, 12 von ihnen werden von 2010 bis 2014 an der TU Dortmund studieren, nachdem sie einen intensiven Deutschkurs absolviert haben. Angesichts der großen Verantwortung gegenüber den einzelnen Studierenden und der Zukunft des Studiengangs weist Reicher darauf hin, dass auch ein starkes Engagement der Partner wichtig und ein stärkerer Austausch zwischen den Beteiligten in Deutschland hilfreich sei.

Eine Plattform für einen solchen Austausch haben etwa Prof. Dr. Sefik Alp Bahadir und seine Mitarbeiter mit dem „Center for Iraq Studies“ (www.cis.uni-erlangen.org) von der Universität Erlangen geschaffen. Das von ihnen initiierte BEEP-Projekt (Baghdad-Erbil-Erlangen-Project) hat es sich zum Ziel gesetzt, die Partnerschaft zwischen den Universitäten Erlangen-Nürnberg, Bagdad und Erbil auszubauen und zu intensivieren. Zu diesem Zweck wurde ein akademisches Autauschprogramm aufgelegt und ein Deutsch-Irakisches Joint Degree Programm für Doktoranden und ein Deutsch-Irakischer Dual Degree Masterstudiengang der Wirtschaftswissenschaften entwickelt, der im Oktober 2010 beginnen soll.

Der Grundstein für die Deutsch-Irakische Universität, welche Gestalt sie auch zukünftig annehmen wird, ist also gelegt

 

Foto: Alfred Jansen Fotografie (alfredjansen.com)