Akademischer Austausch: „Mehr Transparenz und Fairness.“
24.05.2010  | Interview: Markus Hablizel   

Deutsche für Irak / Bildung
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Die Plattform tabadul.de verbessert seit vergangener Woche das Stipendienprogramm für Iraker, die hierzulande studieren wollen. Alexander Haridi, Referatsleiter Irak und Iran vom Deutschen Akademischen Dienst (DAAD), über die Schwierigkeiten und Chancen der Zusammenarbeit mit irakischen Hochschulen

WPI: Herr Haridi, was verspricht sich der DAAD auf der einen und das Ministry of Higher Education and Scientific Research im Irak auf der anderen Seite von dem akademischen Austausch?

Alexander Haridi: Im Februar 2009 hatten der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier und der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki eine „Strategische Akademische Partnerschaft“ beschlossen und damit den Rahmen für eine verstärkte Kooperation zwischen den Hochschulen beider Länder gesetzt. Das Auswärtige Amt stellte dem DAAD dafür ein Sonderbudget zu Verfügung. Der DAAD verfolgt das Ziel über zwei Ansätze: 1. Individuelle Mobilität: Ein Stipendienprogramm für irakische Master- und Promotionsstudenten, das bis zu 100 neue Stipendien jährlich umfasst. 2. Institutionelle Netzwerke: Fünf Fachbereiche an deutschen Hochschulen errichten Partnerschaften mit verschiedenen irakischen Hochschulen und knüpfen so ein dichtes Netzwerk an Hochschulkooperationen. Die Laufzeit beträgt drei Jahre, von 2009 bis 2011, jedes Jahr gibt es 1,5 Millionen Euro. Beide Ansätze zusammen ergeben ein dichtes Netz an Austauschbeziehungen und bereiten den Boden für eine mögliche Deutsch-Irakische Hochschule vor.

tabadul.deHinter der Adresse tabadul.de verbirgt sich eine neue Seite des Deutschen Akademischen Dienstes (DAAD). Realisiert wurde das Projekt von der in Berlin ansässigen Organisation „Media in Cooperation and Transition“ (MICT). [taba:dul], ist arabisch für Austausch. Die Verbform betont die Gegenseitigkeit, die Grundbedeutung des Wortes beinhaltet die Idee der Veränderung. Dies umreißt, was der DAAD im Verbund mit den deutschen Hochschulen im Irak tut: partnerschaftlich den Wiederaufbau des irakischen Hochschulsystems zu unterstützen und den Wandel durch Austausch von Personen zu unterstützen.

Die Idee der deutsch-irakischen Hochschule ist ja nicht einfach umzusetzen, es braucht einen langen Atem auf beiden Seiten. Wie werden diese Programme finanziert?

Die Besonderheit hierbei ist, dass das Stipendienprogramm hälftig von irakischer Seite, nämlich vom Hochschulministerium in Bagdad, und dem DAAD finanziert wird. Während der Irak zahlreiche Austauschprogramme mit ausländischen Staaten unterhält, ist das deutsch-irakische das einzige, in dem beide Seiten finanziell engagiert sind. Es entsteht also eine intensive Zusammenarbeit zwischen Ministerium und DAAD und es besteht die Notwendigkeit, Verfahren zu entwickeln, die deutschen und irakischen Anforderungen und Verwaltungen entsprechen. Ein wichtiger Effekt davon ist der Aufbau von modernen, an Qualitätskriterien ausgerichteten Strukturen auf der irakischen Seite, womit ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung einer international ausgerichteten, effizienten Austauschpolitik im Irak geleistet wird.

Wie stellt sich der Austausch konkret dar und wird in beide Richtungen getauscht?

Wie erwähnt, existieren zum einen die Stipendienprogramme und das Hochschulnetzwerk. Der Schwerpunkt liegt allerdings auf Irakern, die nach Deutschland kommen. Aber auch deutsche Hochschullehrer reisen in den Irak. Wegen der schwierigen Sicherheitslage liegt der Schwerpunkt zur Zeit auf der Region Nordirak. Im Mai 2010 reiste aber auch eine Delegation der TU Freiberg nach Basra.

Abgesehen von der Sicherheitslage, wo liegen die Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit?

Erstens existieren in Deutschland und Irak verschiedene „Förderkulturen“. Irak ist stark an formellen Kriterien ausgerichtet, es herrscht ein Denken in Quoten. Deutschlands Augenmerk liegt auf der akademischen Qualität der Studien- und Forschungsvorhaben sowie der persönlichen Eignung der Kandidaten. Irakische Studierende sind nicht daran gewöhnt, selbständig zu denken, wissenschaftliche Probleme und Lösungsansätze zu formulieren und ihre Vorhaben überzeugend darzustellen. Die zweite Schwierigkeit ist der Zentralismus auf der irakischen Seite und die mangelnde Verwaltungs- und Servicekompetenz des Ministeriums. Alle Anträge müssen über Bagdad laufen und die Kandidaten müssen sich persönlich in Bagdad vorstellen. Es stellt für Studenten außerhalb Bagdads natürlich allein schon aus Sicherheitsgründen ein Problem dar, in die Hauptstadt zu reisen. Insbesondere die kurdischen Hochschulen und Bewerber fühlen sich benachteiligt. Tatsächlich sind in den ersten beiden Jahrgängen Bewerber aus Kurdistan stark unterrepräsentiert. Drittens bereitet der Zugang zu Informationen zum Studiensystem in Deutschland und den Auswahlverfahren Schwierigkeiten. Die Studierenden finden sich nicht zurecht.

Diesen Zugang zu Informationen soll nun die Plattform www.tabadul.de leisten. Was verbirgt sich dahinter und was versprechen Sie sich davon?

Die Plattform soll alle relevanten Informationen, Dokumente und Formulare in verständlicher Form auf einer Seite zugänglich machen. Teilweise auch auf Arabisch und Kurdisch. Informationen sind dadurch überall im Irak abrufbar. Dies bedeutet mehr Transparenz und mehr Fairness. Ziel ist es, mehr Bewerbungen und gleichzeitig eine höhere Qualität der Bewerbungen zu erreichen. Wir nähern uns damit der Möglichkeit, die volle Stipendienzahl vergeben zu können. Im 1. Jahrgang konnten hatten wir nur 30, im 2. Jahrgang 72 Stipendiaten, die volle Quote von 100 konnte wegen der unzureichenden Zahl an qualifizierten Bewerbungen nicht ausgeschöpft werden.

Konzentrieren sich die Stipendien auf bestimmte Fachrichtungen und wie lange laufen diese?

Die Stipendien sind grundsätzlich offen für alle Fachrichtungen und werden über ein zentrales Auswahlverfahren des Ministry of Higher Education & Scientific Research und dem DAAD vergeben. Die Master-Stipendien laufen über zwei Jahre, Promotions-Stipendien 3,5 Jahre, beide zuzüglich zwei bis sechs Monate Sprachkurs.

Zur Finanzierung und Organisation der aufgelegten Programme fand am Dienstag, den 18. und Mittwoch, den 19. Mai 2010 ein Seminar in Erbil statt. Wer saß da mit am Tisch und wie sehen die Resultate aus?

Dabei waren Vertreter von zwölf Hochschulen aus allen Teilen des Irak und Repräsentanten beider Hochschulministerien – Bagdad (Föderales Ministerium) und Erbil (Kurdisches Ministerium). Zwischen beiden Ministerien gibt es sonst wenig Kooperation, das deutsche Seminar hat also die kurdische und zentralirakische Seite zusammengebracht. Das Seminar wurde sehr positiv aufgenommen, die Vertreter der Universitäten fungieren als Multiplikatoren und geben Information an ihren Hochschulen weiter. Das ist für das Programm ein sehr großer Schritt in Richtung Bekanntmachung und Transparenz. Außerdem zugegen waren Vertreter des Goethe Instituts, der AGEF und von alumniportal-deutschland.de dabei. Die deutschen Institutionen kooperieren also nun auch. Ich denke, dass der deutsch-irakische Austausch damit einen weiteren Schritt nach vorne macht.

 

Foto: Alfred Jansen Fotografie