Deutsche Schule Erbil: Eine Klasse für sich
13.09.2010  | Henrik Ahrens   

Deutsche für Irak / Bildung
E-mail   Print    


In wenigen Tagen eröffnet in Kurdistan-Irak die erste Deutsche Schule. Mehr als 100 Schüler werden dort bis zur fünften Klasse lesen, schreiben und rechnen lernen. Und bald sogar fürs Abi pauken. Die Geschichte einer lehrreichen Vision


Noch sieht das Gebäude nicht nach einer Schule aus. Die Räume sind kahl, nirgends steht Mobiliar, die Wände sind an einigen Stellen noch ungestrichen. Vor dem zukünftigen Kindergarten wurde tonnenweise Erde umgepflügt, daneben klafft ein riesiges Erdloch. Und hier sollen in ein paar Tagen, am 16. September, mehr als hundert Kinder lernen?

Slideshow











Hier geht's zur Fotostrecke ...

Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen, so sagt man. „Ganz und gar nicht!“ meint Jürgen Ender, Projektmanager und zukünftiger Schulleiter der Deutschen Schule Erbil. Das Gebäude wurde von der UNESCO von 1999 bis 2000 gebaut, schon mal als Schule genutzt, musste aber von Grund auf renoviert werden: „Wer Visionen hat, sollte sich bemühen, sie auch zu verwirklichen.“ Und er bemüht sich. Ender ist eins mit seinem Projekt. Manche würden vielleicht eher das Wort besessen wählen. Denn er spricht nur von seiner Schule. Und wenn er von ihr erzählt und seinen vielen zukünftigen Projekten, dann denkt man unwillkürlich an Fitzcarraldo, der im gleichnamigen Film von Werner Herzog im Urwald eine Oper bauen will. Doch während dies eine Chimäre bleibt, wird die Deutsche Schule Erbil am 16.9. 2010 tatsächlich die ersten Schüler unterrichten.

Ender führt über das Gelände, zeigt den Sportplatz, die Kantine, das Labor, den Computerraum, das Musikzimmer, den Kunstraum, die Bibliothek und die Aula. Und er erzählt dabei. Von den Mühen, die es gekostet hat, die Leute zu überzeugen, sich am Aufbau der Schule zu beteiligen. Und den Kosten, die entstehen und die immer noch nicht gedeckt sind. Und von der Hilfe, die gebraucht wird. Aber er spricht auch über zukünftige Projekte. Und wenn er das tut, richtet er die noch kargen Räume mit Worten ein. Das Labor, die Klassenräume. Seine Vorstellungskraft ist ansteckend. Fast meint man, Musik und spielende Kinder zu hören. Aber es sind wohl eher die Handwerker, die auf Hochtouren arbeiten und dem Gebäude den letzen Schliff geben. Überall wird geputzt, gemalt, gebuddelt.

Spenden Sie!Die Deutsche Schule Erbil sucht noch Sponsoren. Sehen Sie hier, welche Hausaufgaben noch erledigt werden müssen.

Oder wenden Sie sich direkt an den Schulleiter Jürgen Ender in Erbil:

+964 / (0)77 0301 6560
+964 / (0)75 0335 9848

This e-mail address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it
www.ds-e.org

Die Geschichte der Deutschen Schule Erbil begann im Frühjahr 2007. Birgit Svensson, eine in Bagdad lebende deutsche Journalistin, trifft in einem Hotel in Erbil den Bürgermeister der Stadt, Nihad Qoja. Er erzählt ihr, dass immer mehr kurdische Familien aus Deutschland zurückkämen. Weil zum Beispiel die Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland nicht verlängert werde. Sie wollten aber, dass ihre Kinder weiter nach deutschen Standards ausgebildet würden. Und ob sie nicht etwas unternehmen könne? Zufällige Begegnungen, Hinweise und Kontakten führen im Dezember 2007 zu einer Veranstaltung im damaligen inoffiziellen Generalkonsulat, dem Restaurant „Zum Deutschen Hof“ in Erbil. Ein Vertreter der Zentralstelle für das Auslandschulwesen ist gekommen und die kleine deutsche Gemeinschaft, die es zu dieser Zeit in Erbil gab. Die Veranstalter wollen prüfen, wie viele sich für so eine Schule interessierten. Sie rechneten mit 25 Teilnehmern, es kamen 130: alles Kurden, die in Deutschland gelebt hatten. Die meisten wollten ihre Kinder sofort anmelden.

Mittlerweile empfängt Ender täglich Eltern mit ihren Kindern in seinem kargen Arbeitszimmer, um die Schule vorzustellen und die Anmeldung der Kinder entgegen zu nehmen. Die Schule finanziert sich zum Teil über Schulgebühren – im Irak ist das nicht unüblich. 2100 Dollar kostet das Schuljahr fürs erste Kind. Das zweite Kind bekommt 10 Prozent Nachlass, das dritte sogar 50 Prozent. Das ist im Vergleich zu exklusiven Privatschulen günstig, für ärmere Familien trotzdem viel. Deswegen werden zukünftig auch Stipendien vergeben.

Dieses System wurde vom Schulverein entwickelt, der auch der Träger der Deutschen Schule ist. Mitglieder sind Deutsche und Kurden. Gemeinsam wird über das Schicksal der Schule entschieden. Der Vorstandsvorsitzende ist der Bürgermeister der Stadt Erbil, Nihad Qoja. Er selbst hat jahrelang in Deutschland gelebt. Schatzmeister ist Helmut Gnädig, der für die Firma Terramar die Geschäfte in Erbil leitet. Außerdem sitzt auch Christina Martsch im Vorstand, die einen deutsch-kurdischen Kulturverein leitet.

Die baldige Eröffnung der Deutschen Schule wäre undenkbar ohne die Hilfe von deutschen und kurdischen Unternehmen, Privatleuten und Institutionen vor Ort. Das Deutsche Generalkonsulat in Erbil war von Beginn an Projektpartner; das kurdische Bildungsministerium überließ dem Schulverein das Nutzungsrecht für das Gebäude; der Premierminister der Region Kurdistan-Irak, Nechirvan Barzani, spendete 100.000 Dollar; die Firma Vössing übernahm die Ingenieursarbeiten, die Provinzregierung Erbils gab rund 40.000 Euro für den Sportplatz; die Firma Terramar stattet den Verwaltungsbereich aus und eine Kurde, der seine Kinder an der Schule angemeldet und eine Reinigungsfirma hat, übernimmt die Grundreinigung der Schule. Die Liste der Wohltäter ist noch lang.

Aber eine Schule ist teuer. Auf lange Sicht soll sie sich über Gebühren selbst tragen. Doch fast alle Spenden wurden für die Renovierung des Gebäudes ausgegeben. Aber auch das Personal muss bezahlt werden: Nur einer der Lehrer wird von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen entsandt und finanziert, die anderen müssen aus dem Budget der Schule bezahlt werden. Da gibt es einen deutschen pensionierten Lehrer, der noch einmal das Abenteuer sucht. Außerdem noch drei kurdische Lehrerinnen, die in Deutschland gelebt haben und fünf Deutsch-Kurdinnen, die als Erzieherinnen im Kindergarten und in der Vorschule tätig sein werden. Ender wird selbst auch lehren. Auch in der Kantine muss jemand arbeiten. Dann wird ein Sicherheitsmann gebraucht. Und Ausstattung für die Klassenräume, die Aula, das Labor, die Computerräume ...

Aber Ender lässt sich nicht unterkriegen. Als er vor einigen Monaten mit dem Aufbau der Schule betraut wurde, hatte er nicht viel, nur ein Gebäude in einem desolaten Zustand. Keine Einrichtung, keine Gelder, kein Personal. Er kennt solche Situationen. Jahrzehntelang hat er als Lehrer in Ostafrika gearbeitet, zuletzt in Kenia. „Da musste man auch improvisieren – insofern bin ich das gewohnt.“ Daneben musste er an vielen Fronten Überzeugungsarbeit leisten. Es hat einiges gekostet, die Hochschulzugangsberechtigung zu erhalten. Ender hat sich durchgesetzt. Die Schüler werden also nach Abschluss der dreizehnten Klasse das deutsche Abitur und damit die Berechtigung zum Studium an einer deutschen Hochschule erhalten.

Personal zu finden, war äußerst schwierig. Knapp 3000 kurdische Kinder und Jugendliche lernen derzeit in Kurdistan Deutsch, jährlich kommen rund 850 neue Schüler hinzu. Aber es gibt nur 18 Deutschlehrer in der Region. Und Profis aus Deutschland sind nur schwer dafür zu begeistern, in der staubigen Stadt Erbil zu lokalen Gehältern zu arbeiten. Das Goethe-Institut in Erbil hilft im Rahmen der Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ schon dabei, irakische Deutschlehrer fortzubilden und andere zu qualifizieren.

Bald werden noch mehr Lehrer gebraucht. Regelmäßig kommen kurdische Familien aus Deutschland zurück, die Zielgruppe der Deutschen Schule. Ender spricht auch von einer Begegnungsschule. „Wir ermöglichen Begegnungen unterschiedlicher Kulturen und fördern interkulturelles Lernen“, sagt Ender. Das bedeutet auch, dass der deutsche und kurdische Lehrplan miteinander abgestimmt werden, aber ohne die deutschen Standards zu vernachlässigen. Jährlich wird die Schule und die Qualität der Lehre von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen überprüft werden.

Ender sieht diesen Prüfungen gelassen entgegen. Das wird er auch noch schaffen. Er steht hinter dem Hauptgebäude, zeigt Richtung Kindergarten. Das Gelände vor dem Haus war betoniert. Ender hat den Beton aufbrechen lassen, um eine Rasenfläche zu errichten. Die Erde, die er dazu brauchte, holten seine Leute direkt neben dem Gebäude. Und was wird jetzt aus dem Erdloch? „Daraus machen wir einen Swimmingpool. Die Kinder sollen ja auch Schwimmen lernen.“ Und der Schwimmlehrer, das ist selbstverständlich er.

 

Fotos: Henrik Ahrens (WPI) (9)