Deutsche für Irak / Bildung
Irakische Wissenschaftler haben viel zu bieten. Auf dem Markt haben sie es trotzdem schwer. Damit sich das ändert, hat Katja Petereit „Access Germany Iraq“ gegründet
Ein Tag im November 2011, in einem schicken Büro unterm Dach eines nüchternen Geschäftshauses in Bonn-Bad Godesberg. Draußen vor dem Fenster färbt sich der Wald des Siebengebirges gelb und rot, leichter Dunst liegt darüber – das Jahr legt sich zur Ruhe. Drinnen geht es für Katja Petereit jetzt erst richtig los. Taufrisch ist der Name ihrer neuen Firma – „Access Germany Iraq – Academic Counseling & Enterprise Services“ - das Büro in Bagdad ist angemietet und wird im Januar eröffnet. In Deutschland hat sie eine Kollegin fest eingestellt, ihr Team aus freien Mitarbeitern steht. „Nicht wenige Leute haben mich für verrückt erklärt“, sagt die 44-jährige Organisationspsychologin, „aber ab jetzt konzentriere ich mich voll auf den Irak. Mein Geschäft hat sich gut entwickelt, es trägt sich. Es hat Potenzial – das will ich nutzen. Und es ist wirklich spannend.“
Katja Petereit verkauft keine Waren, sie baut keine Straßen, keine Häuser, keine Fabriken. Aber sie baut Brücken – zwischen dem Irak und Deutschland. Oder besser gesagt: Zwischen Irakern und Deutschen. Zwischen Wissenschaftlern aus beiden Ländern, die ohne Unterstützung nur schwer zusammenfinden. Sie hilft Professoren auf der Suche nach interessanten Projekten und Kollegen. Vor allem aber irakischen Doktoranden und Studenten, die betreuende Professoren suchen in Deutschland. Katja Petereit ist das Scharnier zwischen beiden Seiten und zugleich das Tröpfchen Öl, das für flüssige Bewegung sorgt. Das klingt nach viel Goodwill, und das ist es auch. Zugleich aber ist es ein gutes Geschäft – wenn man es richtig anstellt. Und wie man es anstellt, hat Katja Petereit ist den letzten Jahren mit Geduld, Hilfe und Professionalität gelernt.
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Auf den Irak kam Katja Petereit nur durch Zufall. Im Jahr 2004 gründete sie in Bonn das FIB, das „Fachbüro für internationales Bildungsmanagement“, mit dem sie bis vor kurzem im Auftrag etwa des DAAD oder des Goethe-Instituts internationale Wissenschafts- und Förderprogramme evaluierte. Im Zuge dessen lernte sie in Jahr 2005 auf einem Workshop Hikmat N. Abdullah kennen, einen Professor für Elektrotechnik an der Al-Mustansiriya Universität in Bagdad – und aus einer Emailfreundschaft entwickelte sich im Laufe der Jahre ein Geschäft.
„Ein toller Zufall“, sagt Katja Petereit, wenn sie sich an die Anfänge mit den Irakern erinnert. „Sehr nett waren die, und sehr motiviert. Das waren keine durchglobalisierten Leute, für sie hatte sich wirklich ein Fenster zur Welt geöffnet. Und ich habe sofort gemerkt, dass da mehr sein muss im Irak als nur die Bomben, von denen man in den Zeitungen las.“
Petereit und Hikmat N. Abdullah schreiben sich hin und her, erzählen sich über Kultur, Politik, Familie, tauschen Fotos aus. Und als ihr Brieffreund sie schließlich fragt, ob sie ihm bei der Suche nach einem deutschen Professor helfen könne, mit dem er gemeinsam forschen und publizieren kann, durchforstet sie ihr universitäres Netzwerk und findet schließlich an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg einen passenden Kollegen. „Das war der erste Kontakt, den ich gestöpselt habe“ erinnert sich Katja Petereit, „die beiden arbeiten bis heute zusammen.“
Am Anfang stöpselt Katja Petereit den Kontakt neben ihrer eigentlichen Evaluationsarbeit, unentgeltlich, aus Freundschaft. Auch noch, als sich nach dem ersten Erfolg Kollegen ihres irakischen Professors an sie wenden. Bis sie schließlich im Jahr 2008 umdenkt und sagt: „Das ist eine Dienstleistung, dafür kann ich eigentlich Geld nehmen. Denn die Nachfrage ist da, und meine Zeit muss sich schließlich rechnen.“
Und so zündet Katja Petereit Stufe 2 - Hikmat N. Abdullah und sie teilen sich die Arbeit auf. Der irakische Professor akquiriert die Kunden im Irak, sucht die wirklich seriösen Bewerber heraus, sammelt die notwendigen Papiere ein. Dann übernimmt Katja Petereit die Kontaktsuchenden, coacht sie über Skype und Email, sucht die passenden Gegenstücke in Deutschland – macht 1200 Dollar, wobei 1000 Dollar davon nur im Erfolgsfall zu zahlen sind.
Es sind zunächst vor allem angehende Doktoranden, die mit Petereits Hilfe einen Betreuer in Deutschland suchen. Sie wollen sich auf den aktuellen Stand der Wissenschaft bringen, wollen mal raus aus dem Irak, wollen Karriere machen in einem Land mit hervorragender Reputation. Aber allein, meint Katja Petereit, hätten sie kaum eine Chance.
Denn unterschiedlich sind die Welten, die es zu verbinden gilt. Zwar schätzen die deutschen Professoren das Engagement und die theoretischen Kenntnisse der irakischen Wissenschaftler. „Aber gerade in den Ingenieurs-Fächern werden die deutschen Hochschulen geradezu überrannt“, sagt Petereit, „damit ein Professor eine Mail von einem Bewerber überhaupt anguckt, muss sie viel professioneller formuliert sein, als ein unerfahrener Iraker das hinkriegt.“ Auch kennen irakische Bewerber die deutsche Hochschullandschaft nicht, wissen nicht, wer wo woran forscht. Eigenständig recherchieren können sie kaum, weil deutsche Hochschulen sich im Internet nicht selbstverständlich auch in englischer Sprache präsentieren. Und nicht selten haben sie Angst davor, selbst mit einem Professor zu sprechen. „Für viele ist es ihre erste internationale Erfahrung“, sagt Katja Petereit, „das ist doch kein Wunder.“ Und als ob all das noch nicht reichte, kommt das wissenschaftliche Gefälle hinzu. Denn zwar sind die meisten Promovierenden aus dem Irak bereits Mitte 30, arbeiten als fest angestellte Lehrkräfte an den Universitäten. Aber in der Praxis sind sie nur selten auf dem neuesten Stand, weshalb viele Forschungsideen für deutsche Professoren hoffnungslos veraltet sind.
Das waren keine durchglobalisierten Leute, für sie hatte sich wirklich ein Fenster zur Welt geöffnetAnfangs sind es nicht sehr viele Bewerber, aber umso intensiver ist die Betreuung. Katja Petereit formuliert Anschreiben um, füllt Lücken im Lebenslauf, kitzelt die wichtigen Angaben und Fähigkeiten aus ihren Aspiranten heraus, „denn sie können fast immer mehr als das, was sie selbst aufschreiben.“ Sie destilliert aus oft vagen Wünschen interessante Forschungsfragen heraus und übt mit den angehenden Doktoranden das spätere Telefonat mit einem Professor. Sie durchforstet die deutschen Hochschulen nach diesen Professoren, schickt ihnen die Unterlagen, beantwortet Rückfragen, terminiert Skype-Kontakte. Fünf bis acht Professoren hat sie im Schnitt durch, bis ein Kontakt entsteht. Keine schlechte Quote, meint Katja Petereit, was jedoch nicht nur daran liege, dass sie mit bereits vorsortierten, wirklich motivierten Bewerbern an die Front gehe. „Ich spreche die Sprache der hiesigen Wissenschaft, und auch wenn ich keine Spezialistin bin für Agrartechnik oder Gasturbinen, weiß ich doch, was in einer Bewerbung stehen muss – eben mehr als drei freundliche Zeilen, der Satz „Please send me a letter of acceptance, fast!“, und ein Hinweis auf die schlechte Lage im Irak.“ Sechs Monate braucht sie im Schnitt, um Topf und Deckel zusammenzubringen. „Dann ist unser Service beendet, und bislang hat es nur ein einziges Mal nicht funktioniert.“
Über ein Jahr verfeinert Katja Petereit ihre Dienstleistung mit relativ wenigen Bewerbern, doch was man als schweren Start interpretieren könnte, stellt sich im Nachhinein als Glücksfall heraus. Denn als ihr Geschäft im Jahr 2009 Fahrt aufnimmt, hat sie bereits gelernt, wie man mit Irakern kommuniziert, auch ohne ein Wort Arabisch zu sprechen, und ihre Arbeit hat sich eingespielt, was Rückschläge verhindert und den Strom an Bewerbern weiter anschwellen lässt. Auch wenn Petereit zunächst einen Umweg nimmt.
Denn im Jahr 2009 erstellt sie im Auftrag des DAAD eine Studie über irakische Wissenschaftler in Deutschland und stellt fest, dass nur wenige von ihnen zurückgehen wollen in den Irak. Die Iraker beklagen sich über geringe Entscheidungsspielräume an den heimischen Hochschulen, über Ärger bei der Postenvergabe, über die zu große Macht von Universitätspräsidenten, die etwa internationale Kooperationen als Chefsache betrachten, die die Wissenschaftler selbst nur noch ausfüllen sollen, ohne in Eigeninitiative darüber bestimmen zu können. „Ich habe gemerkt, dass Internationalisierung nur funktioniert, wenn sich auch an den irakischen Hochschulen etwas ändert“, sagt Katja Petereit, „deshalb habe ich ein Führungskräftetraining entwickelt und bat beim irakischen Hochschulministerium um eine Kontaktperson, um dieses Training zu installieren. Und dann kam nicht etwa jemand zu mir nach Deutschland, der eigentlich nur shoppen gehen wollte, wie viele hier geunkt haben, sondern Dr. Muthanna Al-Mahdawi. Seitdem ziehen mit ihm, Hikmat und mir drei Leute an einem Strang - es geht einfach darum, international und professionell zu arbeiten.“
Muthanna Al-Mahdawi – für Katja Petereit ist der Biologieprofessor von der Universität Diyala ihr „zweiter großer Glücksfall“. Nicht weil es etwas geworden wäre mit dem Führungskräftetraining – das verlief im Sand. Aber mit ihm fand die deutsche Bildungsvermittlerin einen weiteren Mitstreiter für mehr Internationalität an den irakischen Universitäten. „Wir haben hier sechs Wochen jeden Tag zusammengesessen und uns über Hochschulentwicklung beraten“, erinnert sich Petereit, „das hat ihn mit dem internationalen Virus infiziert.“ Seit seiner Rückkehr hat der Professor seine Universität international eingebunden, er leitet dort das Akademische Auslandsamt und hält an diversen irakischen Universitäten Vorträge über das Studium im Ausland, in Deutschland. An seiner Heimatuniversität fungiert er wie Hikmat N. Abdullah in Bagdad als Mittler zwischen Petereit und den angehenden Doktoranden, schickt inzwischen auch Masterstudenten.
Seit sie ein Trio sind, zieht Petereits Service im Irak Kreise. Etwa 80 Bewerber konnte sie schon versorgen, über 30 stehen aktuell in ihrer Kartei, längst auch von anderen irakischen Universitäten. Dass Katja Petereit mittlerweile 1500 Euro für eine erfolgreiche Vermittlung verlangt, tut dem Zulauf offenbar keinen Abbruch. Und Petereit hat ihre Dienstleistung erweitert, hat im Irak etablierte Ärzte zur Weiterbildung an deutsche Kliniken vermittelt – „ganz spezielle Sachen wie etwa Roboterchirurgie in der Urologie“. Ihre traditionelle Evaluationsarbeit hingegen hat sie mittlerweile ganz eingestellt.
Nicht schlecht für eine Frau, die vom Irak vor wenigen Jahren noch keine Ahnung hatte und bis heute noch nie im Land war. Und wahrscheinlich ist es auch noch nicht das Ende. Vor kurzem hat Katja Petereit Musa Al-Janabi als offiziellen Repräsentanten ihrer Firma gewinnen können, den erfahrenen Stipendienberater an der deutschen Botschaft in Bagdad. Nach seinem Wechsel in den Ruhestand soll Petereits dritter Glücksfall ab Januar das Bagdader Büro von „Access Germany Iraq“ leiten. Wobei künftig nicht nur Wissenschaftler und Ärzte Zutritt erhalten sollen. Katja Petereit möchte irakische Fachkräfte an deutsche Unternehmen vermitteln, irakische Behörden oder Firmen mit professionellen Rückkehrern versorgen, Praktika vermitteln. Auch maßgeschneiderte Weiterbildungspakete möchte sie schnüren. „Nehmen wir mal die Orangenzucht“, meint Petereit, „wenn ein Agrarbetrieb die auf internationales Niveau heben will, muss er nicht nur die neusten Anbaumethoden kennen, sondern auch, wie man solche Produkte auf dem Weltmarkt verkauft und vertreibt. Dafür braucht es ein Team – einen Agrarexperten, einen Marketingspezialisten, einen Logistiker. Wir könnten organisieren, dass solch ein Team hier in den besten Studiengängen ausgebildet wird und später gemeinsam zuhause den Betrieb voran bringt.“
Früher hat Katja Petereit die Bildungsarbeit anderer Anbieter bewertet. Jetzt macht sie lieber selbst voran. Lernen und lernen lassen – offenbar ist das keine schlechte Kombination.
Foto: Katja Petereit (privat)











