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In der nordirakischen Provinz Ninawa haben 36 Prozent der Menschen keinen Zugang zu Trinkwasser. Und in der Hauptstadt Mosul ist es so verseucht, dass die Menschen regelmäßig krank werden. Der Provinzgouverneur wiegelt ab, Bagdad rührt sich nicht und ausländische Investoren halten sich bisher zurück
Hamudi hüpfte vor Glück, als er in seinem Badewasser einen fliegengroßen Fisch entdeckte. Seine Familie kam sofort angerannt, um das Wunder zu bestaunen. Der Vater allerdings, ein Bauer, der Wälder und Sümpfe noch aus seiner Zeit im Dorf kannte, sah sofort, was da herumhüpfte: Es war kein Fisch, sondern eine Kaulquappe.
Solche und tausend andere Geschichten erzählen sich die Bewohner von Mosul im Norden des Irak, wenn es um die Verschmutzung des Trinkwassers geht. Über den Grund sind sich die Experten einig: Die Wasserleitungen sind marode, die meisten von ihnen vor über 50 Jahren alt, so kann durch die undichten Stellen fauliges Bodenwasser in das aufbereitete Trinkwasser gelangen. An vielen Wochentagen wird in Mosul das Wasser ganz abgestellt, in den Leitungen herrscht kein Druck, so dass es Kleinlebewesen und Mikroorganismen sogar besonders leicht haben.
3,4 Millionen Bürger in der Provinz Ninawa sind so ständig der Gefahr unterschiedlichster Erkrankungen ausgesetzt. Der Arzt Muhannad Mahmud Majid, Leiter der Hygieneabteilung des Gesundheitsamtes von Ninawa, erzählt, dass die Gesundheitszentren in Mosul und anderen Gemeinden der Provinz Ninawa täglich Patienten mit Durchfall, Problemen mit den Harnwegen und anderen Krankheiten behandeln, die von der Verschmutzung des Trinkwassers herrühren. Den Familien werde zumeist geraten, das Wasser vor der Benutzung abzukochen, selbst das in Kanister abgefüllte, das man kaufen kann. Auch dieses sei nicht unbedenklich, besonders wenn es keine oder keine bekannte Handelsmarke trägt – die Hygienekontrollen seien unzureichend.
„Unsere Möglichkeiten aber sind begrenzt. Auch so ein Projekt würde eine umfassende Planung auf nationaler Ebene erfordern“
Die Verantwortlichen bei der Wasserbehörde der Provinz Ninawa versichern, dass man alles tue, um eine Gefährdung der Bürger zu verhindern. Die Klärwerke desinfizierten das Wasser nach internationalen Standards und es werde regelmäßig in Labors untersucht. Wie der Direktor der Wasserbehörde, Laith Burha ausführt, importiere Mosul nun schon das dritte Jahr Chlor aus der Türkei, 650 Tonnen allein in diesem Jahr, denn die Mengen, die aus Bagdad geschickt würden, reichten keinesfalls aus. Das Problem sieht auch er vor allem im Leitungsnetz zwischen den Klärwerken und den Wohngebieten. Vor allem die Leitungen in der Altstadt von Mosul seien marode, kein Wunder, dass das Wasser aus diesen Leitungen oft nicht den hygienischen Anforderungen entspreche. Momentan verlegt die Behörde im Rahmen des regionalen Entwicklungsplanes 130 Kilometer neue Wasserleitungen im Stadtbereich. „Aber das deckt nur die Neubaugebiete ab. Alte Leitungen auszutauschen ist nicht vorgesehen, denn das würde Millionen von Dollar erfordern, die die Provinzregierung allein nicht bereitstellen kann.“ Dazu bedürfe es der Hilfe des Ministeriums für Wasserressourcen in Bagdad.
In der Stadt ist nun geplant, Wassertanker bereitzustellen, um die Bewohner zu versorgen. Zumindest so lange, bis ein Projekt realisiert ist, das die Stadt mit bis zu 35.200 Kubikmeter Wasser pro Tag versorgen soll. Außerhalb von Mosul aber, im Süden und Westen der Provinz Ninawa, so hört man aus der Wasserbehörde, gebe es ein dramatisches Versorgungsproblem. Diese Gegenden würden seit acht Jahren von Dürre, Wüstenbildung und Versandung heimgesucht; dringend müsse eine neue Strategie ersonnen werden, die Menschen dort mit frischem Wasser zu versorgen. Laith Burhan, der Leiter der Wasserbehörde: „Unsere Möglichkeiten aber sind begrenzt. Auch so ein Projekt würde eine umfassende Planung auf nationaler Ebene erfordern.“
Das Statistische Amt der Provinz Ninawa hat zu Beginn des laufenden Jahres mit Unterstützung der UNICEF und in Zusammenarbeit mit anderen Regierungsstellen und Gemeinden eine Erhebung in ganz Ninawa durchgeführt. Das Ergebnis: 36 Prozent der Bewohner der Provinz – das sind über 1,1 Millionen Menschen – haben keinen Zugang zu Trinkwasser. „Die Hauptsache ist doch, dass die Mehrzahl der Bewohner Wasser hat“, kommentiert Provinzgouverneur Athil Al-Nujaifi lapidar. „Warum sprechen wir nicht davon, dass 64 Prozent ihren Bedarf decken können?“ Selbstverständlich sei er trotzdem bereit, Projekte anzustoßen. Die Bürger aber, so der Gouverneur weiter, müssten in jedem Fall das Sparen lernen, denn vieles deute darauf hin, dass durch falsches Verhalten viel Wasser verschwendet werde.
Ein Mitarbeiter der Wasserbehörde Ninawa, der ungenannt bleiben wollte, sieht das anders. „Laut einer Untersuchung unserer Behörde gehen 50 Prozent des an die Haushalte gepumpten Wassers wegen brüchiger Leitungen verloren.“ Grund seien zum einen das veraltete Netz, aber auch die vielen Autobomben und Sprengstoffanschläge, die sich während der vergangenen acht Jahre in Mosul ereignet hätten. Diese hätten auch an den unterirdischen Wasserleitungen große Schäden verursacht.
Die meisten Bewohner der Provinz Ninawa haben ein begrenztes Einkommen und können sich den Kauf von abgefülltem Mineralwasser nicht leisten. Anders als in anderen Provinzen gibt es hier ohnehin wenige Abfüllanlagen, staatliche wie private; die Motivation von ausländischen Investoren, sich hier zu engagieren, hält sich wegen der Sicherheitslage in Grenzen.
Besonders hart trifft die Situation Großfamilien. Sie versuchen, das Wasser in der Wohnung zu reinigen und zu desinfizieren. So floriert zum Beispiel das Geschäft mit Reinigungsfiltern, die an Wasserhähnen befestigt werden können. Andere geben dem Wasser vor der Benutzung Chemikalien bei oder kochen es ab. Wieder andere entdecken primitive Methoden neu. Sie schütten es in ein großes Tongefäß namens „Hibb“, durch das es langsam hindurch tropft. Dann wird es in einem darunter stehenden Eimer aufgefangen und soll nun trinkbar sein. Die nächste schlimme Erkrankung wird diese Annahme Lügen strafen.
Übersetzung aus dem Arabischen: Günther Orth
Foto: Scott Nelson/Getty Images











