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Das Wassernetz im Irak ist sanierungsbedürftig: Mehr als die Hälfte des Wassers geht auf dem Weg in die Haushalte verloren, dafür nehmen die porösen Leitungen jede Menge Schadstoffe auf. Nur gut, dass eine deutsche Firma aus Erlangen jetzt Wasserrohre aus hochbelastbarem Material entwickelt hat.
Das Wasser für den Nordikrak kommt aus dem Großen Zab und dieser Fluss hat eigentlich eine gute Qualität. Eigentlich. Denn auf dem Weg in die Haushalte verlieren die porösen Rohre jede Menge Wasser und nehmen dafür Schadstoffe auf: Verschmutztes Regenwasser dringt ein, hinzu kommt das Abwasser aus den Wohnhäusern, das in Sicker- und Klärgruben gesammelt wird. Durchfall-Erkrankungen sind die Folge, auch die hohe Kindersterblichkeit wird auf verschmutztes Trinkwasser zurückgeführt.
Das Wassernetzwerk ist total marode, und das hat viele Gründe. Unter Saddams Regime wurden die Leitungen, Kläranlagen und Kanäle über Jahrzehnte ihrem Schicksal überlassen. Die kriegerischen Auseinandersetzungen waren auch nicht gerade förderlich, das Übrige taten Korrosion und die Bauarbeiten, bei denen immer wieder Rohre beschädigt wurden.
Einem Bericht der schwedischen Nicht-Regierungsorganisation „Qandil“ zufolge sind allein in Erbil 30 Prozent des Wassernetzes so defekt, dass sie ersetzt werden müssen. Zu eng gebaute Rohrleitungen führen zusätzlich zu Druckabfall, so dass nicht alle Gegenden kontinuierlich mit Wasser versorgt werden können. Die Menschen in den betroffenen Haushalten ersinnen allerlei Listen und Tricks, schließen zum Beispiel illegale Druckerhöhungspumpen an die Verteilungsleitungen an, um an genügend Wasser zu kommen. Das macht die Sache nicht besser, im Gegenteil: Es verlangsamt den Wasserfluss zusätzlich.
Sorgloser Umgang mit einer kostbaren Ressource
Darüber hinaus haben viele Iraker den Umgang mit der Ressource Wasser noch nicht gelernt. Das bisschen Wasser, das die Haushalte dann erreicht, wird auch noch zur Reinigung der Straße und der Autos verschwendet. Der tägliche Pro-Kopf-Verbrauch liegt dementsprechend bei 375 Liter. Finanzielle Hürden gibt es keine – Wasser kostet bisher so gut wie nichts.
Auch die KfW unterstützt die kurdische Regierung seit 2003 dabei, das Wassernetzwerk wieder aufzubauen. Angefangen hat alles mit einer von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Nothilfemaßnahme, „Emergency Measures for Water Supply and Sanitation in North-Iraq“. Mit ihr sollten die wichtigsten Schäden in der Wasserversorgung behoben werden. Mittlerweile hat die Unterstützung aus Deutschland einen anderen Fokus: Zwar werden immer noch Leitungssysteme – zum Beispiel in Dohuk – repariert und Equipment zur Verfügung gestellt, um den Wasserverlust so gering wie möglich zu halten. Aber Hauptaufgabe ist es, den kurdischen Wasserbehörden beratend zur Seite zu stehen.
Mit dieser Aufgabe ist seit Januar 2011 die Firma Gauff Ingenieure in Frankfurt beauftragt. Sie berät die Wasser- und Abwasserunternehmen in den Städten Erbil, Dohuk und Sulaimaniya. Längerfristiges Ziel ist es, der Kurdischen Regionalregierung dabei zu helfen, die kommunale und industrielle Wasserversorgung zu verbessern, Abwassersysteme zu etablieren, Kläranlagen zu bauen, Wassermanagement einzuführen, Trink- und Brauchwasser im häuslichen Bereich nutzbar zu machen und Abwasser für die Landwirtschaft und Industrie wiederzuverwerten.
Joachim Glasnapp von der Firma Gauff Ingenieure und Albert Seidler von SETEC Engineering, eine Tochterfirma der deutschen Gauff-Gruppe, haben deshalb jetzt in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsbüro Erbil eine fünftägige Studienreise durch den Nordirak organisiert. Gemeinsam mit deutschen und türkischen Unternehmen haben sie sich in Erbil, Dohuk und Umgebung einen Überblick über die Region verschafft, wasserwirtschaftliche Projekte besichtigt und hochkarätige Regierungsvertreter getroffen.
Die Tour hat die Prioritäten klar gemacht: Laut Joachim Glasnapp muss vor allem das Druckmanagement in einigen Wasserversorgungszonen verbessert werden – ebenso wie die Qualität der Leitungen zwischen den drei großen Wasseraufbereitungsanlagen und der Stadt.
Parallel müsse ein funktionsfähiges Wasser- und Kundenmanagement eingeführt werden. Es gibt zum Beispiel keine Wasserzähler in Erbil, so dass nicht einmal ermittelt werden kann, wie viel Wasser pro Haushalt verbraucht wird. Das kostet die Wasserbehörde in Erbil viel Geld, das es besser ins Wassermanagementsystem investieren könnte.
Das Directorate of Water, die Wasserbehörde in Erbil hat hier bereits einiges angestoßen. Geplant ist eine Tarifstruktur, die den Preis von Wasser stufenweise anheben soll. „Das ist eine zusätzliche Einnahmequelle, um alle Haushalte mit qualitativ einwandfreiem Wasser zu beliefern“ meint Glasnapp.
Gute Noten für das kurdische Wasseramt
Deswegen erhält der Generaldirektor des Directorate of Water, Sahand Seerwan Ahmed, bereits durchweg gute Noten, „doch wie überall sonst ist auch er davon abhängig, wie viel Ressourcen seinen Projekten zur Verfügung gestellt werden“, meint Albert Seidler. Insgesamt fehlt es Kurdistan nicht an Geld. Erst im Juni hat der Präsident der Föderalen Region Kurdistan Irak, Masoud Barzani, verkündet, dass das Budget 11,6 Mio. US-Dollar für das Jahr 2011 beträgt. Wie das Geld verteilt wird, ist eine andere Sache. Politischer Zwist und Reibereien verlangsamen mancherorts Prozesse, die notwendig wären, um die Region voran zu bringen.
Auch die Firma REHAU aus Erlangen setzt seit 2003 im Irak konkrete Projekte um – mit großem Erfolg: 2009 hat das Unternehmen am College of Engineering der Salahaddin Universität Erbil einen Workshop veranstaltet und ein Produkt vorgestellt, das sich für den Markt zu eignen schien: Rohre aus polyolefinen Werkstoffen, ein hochbelastbares Material. Das Produkt hat tatsächlich so überzeugt, dass REHAU in diesen Tagen die Tore ihres Showrooms in den Räumen des European Technology and Training Centers (ETTC) in Erbil eröffnen konnte. Ein erster Schritt, um dauerhaft Präsenz zu zeigen.
Bereits auf der Eröffnungsfeier zeigte sich, wie gefragt die Produkte sind. Alles, was im Erbiler Wassersektor Rang und Namen hat, war gekommen, um die Ausstellungsstücke unter die Lupe zu nehmen – vom Leiter der Wasserbehörde, Massoud Karrash, über deren Generaldirektor, Sahand Seerwan Ahmed, bis zum Leiter der Design-Abteilung, Bakthyar Othman. Auch Rolf Ulrich, Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Erbil, und Falah Mustafa, der Minister für Auswärtige Angelegenheiten Kurdistan, gaben sich die Ehre. Ziel des Showrooms ist es, vor Ort über Produkte informieren zu können. Und das Interesse an Produkten, die ein funktionsfähiges Wasser-Verteilungssystem garantieren, ist hier in Kurdistan erwartungsgemäß groß. Was den geschäftlichen Erfolg anbelangt, kann Tobias Demel, Area Sales Manager Rehau, vor allem einen grundsätzlichen Tipp an andere deutsche Unternehmern weitergeben: “ Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“
Foto: Henrik Ahrens











