Einführung: Wirtschaft im Irak
16.04.2009 Wirtschaft / Einführung Kerndaten
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Das Wachstum zieht an. Doch der Irak steht vor großen Herausforderungen. Basisdaten und Informationen zu Bruttoinlandsprodukt, Branchen, Staatshaushalt, Inflationsrate, Wechselkurs und Reformprojekten

 

1. Bruttoinlandsprodukt
2. Staatshaushalt und Erdöl
3. Inflation
4. Wechselkurse
5. Strukturelle Reformen
6. Auslandsverschuldung
7. Sicherheitslage


1. Bruttoinlandsprodukt

Allen Widrigkeiten zum Trotz stieg das irakische Bruttoinlandsprodukt laut der Nachrichtenagentur Aswat al-Iraq vergangenes Jahr um 10,9 Prozent. Zwar sind die Prognosen für 2009 und 2010 verhaltener, aber sowohl amerikanische als auch irakische Experten rechnen mit einem BIP-Zuwachs von mehr als sechs Prozent. Die konjunkturellen Daten begünstigten zudem höhere Steuereinnahmen: Vergangenes Jahr flossen dem irakischen Fiskus Gelder in Höhe von knapp 510 Millionen US-Dollar zu, rund 32 Prozent mehr als noch 2007. Auch vonseiten der Irakischen Zentralbank CBI wurden entsprechende Maßnahmen zur Konsolidierung des Bruttoinlandsprodukts getroffen. Im Februar 2009 senkte die Bank den Zinssatz von vierzehn auf elf Prozent.

Positiv wirkt sich dabei die relativ große Unabhängigkeit des Iraks von den globalen Märkten aus. Bislang blieb das Land aufgrund seiner niedrigen weltwirtschaftlichen Verflechtung weitgehend von der aktuellen Krisenhysterie verschont. Einzelne Bereiche profitieren sogar direkt von der globalen Rezession. Laut der Nationalen Investitionskommission des Iraks (INIC) ist seit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise vor allem die Zahl der internationalen Bau- und Vertragsunternehmen im Irak sprunghaft angestiegen. Andere Investoren sollen folgen und weiteres Auslandskapital ins Land spülen. Der kurdische Investitionsminister Herish Muharam Muhamad ließ sich jüngst sogar zu dem Vergleich hinreißen, Investitionen im Irak, und insbesondere in den kurdischen Provinzen, seien „sicherer als die Wall Street".

+ Zum Vergleich: die wichtigsten Wirtschaftsdaten der MENA-Staaten auf einen Blick (2006)

 

Bruttoinlandsprodukt Irak 2008

BIP
BIP (Kaufkraftparität)112,8 Mrd. US$ (Schätzungen 2008)
104,6 Mrd. US$ (2007)
103,1 Mrd. US$ (2006)
BIP (offizieller Wechselkurs)93,8 Mrd. US$ (Schätzungen 2008)
BIP (konstante Preise)10,9 %
BIP (laufende Preise)44,2 %
Pro-Kopf-BIP4.000 US$ (Schätzungen 2008)
BIP in SektorenLandwirtschaft: 5 %
Industrie: 68 %
Dienstleistung: 27 %
(Schätzungen 2006)


Quelle: CIA World Factbook 2009 und Aswat al-Iraq 2009 (alle Angaben ohne Gewähr)

+ Übersicht: das Bruttoinlandsprodukt der einzelnen Sektoren des Iraks (2005–2007)
+ Übersicht: Produktionsindex für das verarbeitende Gewerbe (1999–2006)


2. Staatshaushalt und Erdöl

90 Prozent des irakischen Staatshaushalts sind nach wie vor an den Erdölexport gekoppelt – fehlende Einnahmen aus dem Ölgeschäft treffen das Land daher mit voller Wucht. Dringend benötigte Investitionen, vor allem in der Infrastruktur, können finanziell nur mit Mühe gedeckt werden. Das irakische Parlament musste den Haushaltsplan für 2009 von anfänglichen 80 Milliarden US-Dollar bereits zum dritten Mal um rund 5,5 Prozent auf 58,6 Milliarden US-Dollar nach unten korrigieren (Stand: März 2009). Und selbst diese Zahlen basieren auf vorsichtigen optimistischen Schätzungen von 50 US-Dollar pro Barrel Öl bei einer Exportkapazität von zwei Millionen Barrel am Tag.

Die ausfallenden Erlöse aus dem Ölgeschäft reißen ein geschätztes Defizit von 24 Milliarden US-Dollar, etwa 34 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, in den diesjährigen Staatshaushalt. Für 2010 rechnet man mit einem Haushaltsdefizit in Höhe von 13 Milliarden US-Dollar. Die irakische Regierung betreibt Flickarbeit, so gut es nur geht. Steuerliche Mehreinnahmen aus den vergangenen Jahren sollen einen Teil der Löcher stopfen. Laut Regierungssprecher Ali al-Dabbagh will man außerdem eine weitere Neuverschuldung in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar in Kauf nehmen.

 

Erdöl im Irak

 20061
2007120082
20093
20102
20112
2012220132
Ölproduktion (Mio. Barrel/Tag)
2,0
2,04
2,3
2,5
2,7
2,9
3,1
3,3
Ölexporte (Mio. Barrel/Tag)
1,4
1,59
1,8
2,0
2,1
2,3
2,5
2,7
Ölexportpreise (US$/Barrel)
55,6
63,0
93,3
50,0
68,5
72,8
75,5
76,5
Exporte (gesamt Mio. US$)
29.914
37.835
61.998
46.396
53.249
61.812
69.628
76.229
Wert der Rohölexporte (Mio. US$)
29.190
37.137
61.284
36.500
52.505
61.074
68.894
75.459
Wert andere Exportgüter (Mio. US$)
725
698
714
o.A.
744
739
734
771


1 Schätzungen (Quelle: IWF 2008)
2 Prognosen (Quelle: IWF 2008)
3 Schätzungen der irakischen Regierung (Quelle: Aswat al-Iraq 2009)
(alle Angaben ohne Gewähr)

 

3. Inflation

Dank einer konsequenten Finanzpolitik konnte die Irakische Zentralbank CBI die Inflation im Jahr 2008 weitgehend in den Griff bekommen. Während die Inflationsrate 2006 noch bei 65 Prozent lag, hat sie sich 2008 bei rund sieben Prozent eingependelt. Die Erhöhung der Beamtenbesoldung und der Löhne im öffentlichen Dienst im Juni 2008 hatte nur geringen Einfluss auf die Inflation des Irakischen Dinars. Die Teuerungsrate bei den Verbraucherpreisen lag gegen Ende 2008 bei 7,5 Prozent. Ein Grundproblem stellen die nach wie vor kontinuierlich steigenden Lebensmittelpreise dar. Auch 2009 will die Irakische Zentralbank an ihrer strikten Geldpolitik festhalten.

 

Inflation und Kerninflation in Prozent (Januar 2007–Februar 2009)


 

Quelle: Central Bank of Iraq 2009 (alle Angaben ohne Gewähr)

+ Die aktuellen Inflationsraten der Irakischen Zentralbank CBI

 

Inflationsrate der Verbraucherpreise

Jahr
Inflationsrate Verbraucherpreise
Jahr der Prognose
2003
70 %
2002
2004
29,3 %
2003
2005
25,4 %
2004
2006
33 %
2005
2007
64,8 %
2006
2008
7,5 %
2008*

 

Quelle: CIA World Factbook 2009
* IWF 2008
(alle Angaben ohne Gewähr)

+ Übersicht: Verbraucherpreisindex (1995–2006)
+ Übersicht: Input- und Outputpreisindex für das verarbeitende Gewerbe (1999–2006)

 

4. Wechselkurse

In den vergangenen Jahren konnte die Irakische Zentralbank CBI die Wechselkursraten relativ konstant halten. Der Wechselkurs des Irakischen Dinars zum US-Dollar lag 2005 und 2006 bei 1.500 ID pro US-Dollar, im Jahr 2007 bei 1.260 ID und 2008 bei 1.200 ID je einem US-Dollar. Damit vermochte die Zentralbank das Wechselkursniveau zwar unter Kontrolle zu halten, verfehlte jedoch bislang das ursprüngliche Ziel, ein Preisverhältnis von 1.000:1 herzustellen.

Einer der Gründe für die stabilen Wechselkurse findet sich in der massiven Akkumulation von Devisen durch die Irakische Zentralbank. Laut dem Internationalen Währungsfonds verfügte sie Beginn 2008 über ausländische Währungen im Wert von rund 31,4 Milliarden US-Dollar. Insbesondere die regelmäßigen Auktionen der Zentralbank zum Verkauf von Devisen tragen wesentlich zur Stabilisierung der Wechselkurse und Stärkung des Irakischen Dinars gegenüber dem US-Dollar bei.

 

Wechselkursraten Irakischer Dinar zum US-Dollar (Januar 2007–Februar 2009)


Quelle: Central Bank of Iraq 2009 (alle Angaben ohne Gewähr)

+ Die aktuellen Wechselkursraten der Irakischen Zentralbank CBI

 

5. Strukturelle Reformen

Die schleppende Entwicklung des irakischen Privatsektors ist immer noch ein zentrales Problem der Wirtschaft – wenngleich viele ehemalige staatliche Betriebe vollständig oder teilweise privatisiert wurden. Im März 2009 beriefen der irakische Wirtschaftsrat und die Gesellschaft für Verbraucherschutz daher eine Konferenz in Nadschaf ein, um über die Probleme der Privatwirtschaft zu debattieren. Die Rufe nach grundlegenden strukturellen Reformen, um endlich ausländische Investoren ins Land zu holen, hatten stark zugenommen. Der irakische Wirtschaftsrat, der mehr als 63 Wirtschaftsorganisationen und -verbände unter seinem Dach vereint, forderte entsprechend die Verabschiedung einer Vielzahl von neuen Gesetzen und Gesetzesnovellen ein. Dazu gehören unter anderem Gesetze zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, zur Bekämpfung monopolistischer Strukturen und Preisdumping sowie dem Protektionismus heimischer Waren. Zusätzlich sollen wirtschaftliche Kooperation und ausländische Direktinvestitionen weiter gefördert werden.

Eine der Prioritäten der irakischen Regierung ist die Reform der öffentlichen Finanzwirtschaft. Insbesondere die Verbesserung des Regelwerks für Bilanzierung und Rechenschaftslegung der Irakischen Zentralbank soll in Form gegossen werden. Restrukturierungsmaßnahmen für die beiden größten staatlichen Banken, Rafidain und Rashid, werden in Kooperation mit der Weltbank und anderen internationalen Partnerorganisationen ausgearbeitet. Zudem fehlt es vor allem an mehr Initiativen zur aktiven und effizienten Bekämpfung der Korruption im Irak. Das gilt insbesondere für den öffentlichen Sektor und die Erdölindustrie, wo Strukturen und Mechanismen zur Schaffung von mehr Transparenz und verantwortungsbewusster Regierungsführung dringend benötigt werden.

 

6. Auslandsverschuldung

Neben dem drastischen Absturz der Rohölpreise ist die hohe Auslandsverschuldung des Iraks ein weiteres Hindernis auf dem Weg zu nachhaltigem wirtschaftlichem Wachstum. Die Schuldenlast betrug 2003 rund 115 Milliarden US-Dollar. Davon entfielen auf die Staaten des Pariser Clubs etwa 39 Milliarden US-Dollar, darunter Deutschland mit 5,9 Milliarden Euro einschließlich Zinsen. Im November einigte sich der Pariser Club auf einen Schuldenerlass von 80 Prozent in drei Stufen, beginnend am 1. Januar 2005.

Ende des Jahres 2007 stand der Irak noch vor einem Schuldenberg in Höhe von 102 Milliarden US-Dollar, zirka 163 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Ohne die dritte Phase der Schuldenstreichung durch den Pariser Club summierten sich die Auslandsverbindlichkeiten ein Jahr später auf mehr als 40 Milliarden US-Dollar, rund 43 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die letzte Stufe des Schuldenerlasses von zwanzig Prozent trat Ende 2008 in Kraft. Der deutsche Teil belief sich auf 4,7 Milliarden Euro (Bund 3,1 Milliarden Euro, Exporteure 1,6 Milliarden Euro). Mit der Rückzahlung der Restschulden wird gemäß der Vereinbarung des Pariser Clubs im Jahr 2011 begonnen.

+ Übersicht: Auslandsverschuldung des Iraks (2004–2011) 

 

7. Sicherheitslage

Die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes wird in erster Linie getragen vom Rückgang der terroristischen Anschläge und einer allgemeinen Beruhigung der Sicherheitslage. Mit dem angekündigten Beginn des US-Truppenabzugs in diesem Jahr wird den Irakern sukzessive die Verantwortung für die Sicherheitslage in ihrem Land übertragen. In Zukunft werden sie eine noch aktivere Rolle im Wiederaufbau und in der Befriedung des Landes übernehmen müssen. Die irakische Regierung und ein Großteil der Bevölkerung werten den Abzug der amerikanischen Truppen daher als Neubeginn und erwarten keine Rückkehr der bewaffneten Konflikte. Aufgrund der nach wie vor instabilen politischen Lage fällt es jedoch schwer, Prognosen in dieser Hinsicht anzustellen.

 

Quellen:

+ Auswärtiges Amt
+ Germany Trade and Invest
+ Internationaler Währungsfonds
+ Irakische Zentralbank
+ US Government Accountability Office
+ Aswat al-Iraq
+ COSIT
+ CIA Factbook
+ Middle East Business Intelligence
+ The Economist

 

Foto: Thomas Grabka