
In Kurdistan immatrikulieren sich immer mehr Studenten an privaten Universitäten. Die Ausbildung, die sie dort genießen, ist gut. Vorausgesetzt, sie haben das nötige Geld
Am Anfang war die Weisheit: Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, dann muss der Prophet eben zum Berg. „Unser Ziel war es“, sagt Dr. Yousif Assaf, „für die Studenten, die in Europa studieren wollen, Europa nach Kurdistan zu bringen.“ Zwei Jahre ist es nun her, dass er damit begonnen hat. Dr. Yousif Assaf eröffnete 2007 in Arbil eine private Universität: die Libanesisch-Französische Universität für Verwaltungswissenschaften (BMU). „Unsere Dozenten und Professoren sind aus dem Ausland. Die Curricula und die pädagogischen Methoden sind ähnlich wie in Europa.“ Dr. Yousif Assaf ist überzeugt: „Das ist es, was sich die Studenten wünschen.“
Die Zahl der Immatrikulationen gibt dem Präsidenten der BMU recht. „Für das Studienjahr 2008/2009 haben sich rund 6.000 Studenten an den privaten Universitäten in der Föderalen Region Kurdistan-Irak eingeschrieben“, sagt Dr. Himdad Abdulqahar, der zuständige Generaldirektor für private Universitäten im Hochschulministerium der Region. Tendenz steigend. „Es ist zu erwarten“, sagt der Generaldirektor, „dass sich diese Zahl in den kommenden Jahren noch vervielfacht.“
Bildung boomt
Denn das Geschäft mit der privaten Bildung hat gerade erst begonnen. Im Jahr 2006 eröffnete mit der Kurdistan-Hewler Universität die erste englischsprachige Hochschule in Arbil. Ein Jahr später folgten die Cihan-Universität und die Libanesisch-Französische Universität von Dr. Yousif Assaf. Im Jahr 2008 dann wurde mit der Unterstützung des irakischen Präsidenten Jalal Talabani und des Premierministers der Föderalen Region Kurdistan-Irak Nechirvan Barzani in der Stadt Sulaymaniya eine amerikanische Universität gegründet.
Private Universitäten in der Region KurdistanCihan-Universität, Arbil
Studienfächer: Informatik, Buchhaltung, Rechtswissenschaften, Pharmakologie, Anglistik und Journalistik. Studiengebühren: Grundstudium ca. 2.400, Masterstudiengänge ca. 4.800 Euro/Jahr. Zur HomepageLibanesisch-Französische Universität, Arbil
Studienfächer: Betriebswirtschaft, Informatik, Tourismus. Studiengebühren: Grundstudium ca. 3.400 Euro/Jahr, Masterstudiengänge ca. 4.000 Euro/Jahr. Zur HomepageAmerikanische Universität, Sulaymaniya
Studienfächer: Betriebswirtschaft, Informatik, Internationale Studien. Studiengebühren: ca. 3.500 Euro/Semester. Zur Homepage Mehr Informationen zu Hochschulen im Irak finden Sie hier
Einerseits eröffnen die privaten Hochschulen den Studenten mitten in Kurdistan den Weg zu einer Ausbildung nach internationalen Standards. Andererseits profitieren sie dabei von der Krise des staatlichen Bildungssystems, das seit dem Krieg nicht mehr in der Lage ist, ausreichend Studienplätze zur Verfügung zu stellen. „Allein von den Abiturienten des Jahrgangs 2007/2008 konnten mehr als 3.000 Absolventen nicht studieren“, sagt Dr. Bilal Sharif, die Direktorin des Zentralbüros für Studienplatzvergabe. Entweder weil sie aufgrund ihres Notendurchschnitts nicht zum Studium zugelassen wurden oder weil sie nicht an den Universitäten im Zentral- und Südirak studieren wollten.
Doch auch bei den privaten Hochschulen gibt es Zulassungshürden. „Jeder Student, der sich um einen Studienplatz an der BMU bewirbt“, sagt Dr. Yousif Assaf, „muss einen Englischtest bestehen. Schließlich werden 90 Prozent unserer Seminare auf Englisch gehalten.“ Zudem müssen die Bewerber noch eine schriftliche und eine mündliche Aufnahmeprüfung absolvieren, um an der BMU Betriebswirtschaft, Informatik, Fremdenverkehr oder Tourismus studieren zu können.
4.000 Euro Studiengebühr pro Jahr
Vor allem aber: Die derzeit 600 Studenten müssen in der Lage sein, die Studiengebühren bezahlen zu können. Pro Jahr kostet das Grundstudium an der BMU 3.400 Euro, für das Masterstudium müssen jährlich 4.000 Euro entrichtet werden. Für Studenten mit niedrigem Einkommen gibt es Ermäßigungen – teilweise bis zu 30 Prozent.
An der Cihan-Universität sind die jährlichen Studiengebühren für das Grundstudium mit rund 2.400 Euro niedriger. Dafür sind die Masterstudiengänge etwa zwanzig Prozent teurerer. Lana ist eine von insgesamt 1.749 an der Cihan-Universität immatrikulierten Studentinnen und Studenten, die sich das leisten können. Lana sagt, sie sei mit ihrem Studium zufrieden. Trotz der Studiengebühren und trotz der rund 100 Euro, die sie Jahr für Jahr auch noch für Fachliteratur bezahlen muss.
Moderne Bibliothek und Nachhilfestunden
Als Gegenleistung erhält sie dafür eine Ausbildung, die weit über das Angebot von staatlichen Universitäten hinausgeht. „Wir konnten eine moderne Bibliothek einrichten, und in den vergangenen Semesterferien haben wir unseren Studenten Nachhilfestunden angeboten“, sagt Dr. Said, der Präsident der Universität. „Außerdem werden wir in den kommenden Sommerferien für die Studenten eine Reise nach Libanon organisieren.“
Das Wichtigste ist aber für die Studenten an der Cihan-Universität: Ihre Abschlüsse in Informatik, Buchhaltung, Rechtswissenschaften, Pharmazeutik, Anglistik und Journalistik werden staatlich anerkannt. Auch die privaten Universitäten müssen sich an die Richtlinien des Hochschulministeriums der Föderalen Region Kurdistan-Irak halten. Und dennoch ist längst nicht klar, wie hoch das Studienniveau an den privaten Universitäten tatsächlich ist. Der 24-jährige Muhammad ist gerade dabei, das herauszufinden. Nachdem er sein Geschichtsstudium an einer staatlichen Universität abgeschlossen hat, entschied er sich, noch einmal zu studieren. Diesmal an der privaten Cihan-Universität. Muhammad sagt: „Dort kann ich endlich das Fach studieren, das mich interessiert: Rechtswissenschaften.“
Studium für Berufstätige
Nicht nur das: Das Studium an der Cihan-Universität erlaubt es Muhammad, nebenher zu arbeiten. Es gibt spezielle Vorlesungen am Abend für Berufstätige. Deshalb haben sich an den privaten Universitäten viele Unternehmer und Politiker eingeschrieben, die früher keine Möglichkeit hatten, an einer öffentlichen Universität zu studieren.
Dabei geht es ihnen nicht nur um ihre Bildung, sondern auch ganz einfach ums Geld. Das neue Gehaltsmodell in der Föderalen Region Kurdistan-Irak ist nach dem Grad des Abschlusses gestuft. Außerdem werden viele Posten im öffentlichen Staatsdienst wie etwa der des Bürgermeisters nur an Bewerber mit Universitätsabschluss vergeben. Man muss kein Prophet sein, um voraussagen zu können: Die privaten Universitäten in der Föderalen Region Kurdistan-Irak machen wohl auch in Zukunft ein gutes Geschäft.
Fotos: Behrouz Mehri (AFP/ Getty Images, 2)














